Kaiserstuhl und TaubergießenMehrtägige Ausfahrt vom 29.05. (Himmelfahrt) bis Sonntag, 01.06.2003Kaum war die A5 bei Riegel verlassen, öffnete sich eine liebliche Landschaft mit freundlichen Ortschaften, die an diesem sonnigen Vormittag von Christi Himmelfahrt eine friedliche Behaglichkeit ausstrahlten: der Breisgau. Inmitten der Kaiserstuhl-Berge schlängelt sich die Ortschaft Oberrotweil auf zwei Kilometer dem Tal entlang. Dort bezogen die Exkursionsteilnehmer die reservierten Quartiere bei verschiedenen Privatvermietern und im Gasthaus "Bären" neben der Dorfkirche - an dieser Stelle in der Ortsmitte sollte von nun an der Treffpunkt sein. Nachdem der "Bären" auf Anhieb lehrte, dass man im Breisgau gut und reichlich zu essen versteht, ging es um 13 Uhr ab zum Kirchberg. Dorthin führte Engelbert Mayer, Vorsitzender des NABU Kaiserstuhl, die Gruppe aus Schorndorf und es machte ihm hier wie auch an weiteren Tagen sichtlich Spaß, seine Heimat zu zeigen und deren Naturschätze, für die er sich engagiert einsetzt. Er schilderte die Folgen der weithin bekannt gewordenen und ebenso umstrittenen Rebflurbereinigung am Kaiserstuhl: Die neu geformten Terrassen hatten zunächst ein Gefälle zum Berg hin, was wegen des Kaltluftstaus viele Reben über den Winter erfrieren ließ. Die Umgestaltung der Neigung zum Tal hin beseitigte dieses Phänomen zwar, brachte jedoch Erosionsprobleme mit sich. Schließlich sind die Steilhänge, welche mit der Terrassierung entstanden sind, nur schwer zu pflegen, so dass die Flächen naturwidrig mehr und mehr abgeflammt wurden. Dafür konnte auf Betreiben von Engelbert Mayer mittlerweile jedoch eine naturverträgliche Regelung gefunden werden.
Am Kaiserstuhl gibt es jedoch nicht nur Rebflächen, sondern auch Wiesen - und was für welche! Blumenwiesen wie im Bilderbuch, mit einer Vielfalt und Abwechslung, als wär's ein Stück vom Paradies: Zwischen dem Meer von Glockenblumen, Klappertöpfen, Kleeblüten, Margeriten, Salbeiarten und Storchschnäbeln, dann Besonderheiten wie die Teufelskralle mit ihrer blauvioletten Kronenblüte, die Amethystblaue Sommerwurz und vor allem heimische Orchideen wie die violettrote Pyramidenorchis und der ausgesprochen seltene Violette Dingel. Um diese Orchideen-Blüte zu fotografieren, reisen Spezialisten aus ganz Deutschland an. Dazu passte eine weitere Rarität: der Kokon einer Gottesanbeterin. Auf der Rückseite des Kirchbergs öffnete sich der Blick auf diejenigen Rebflächen, die zum Revier des Bienenfressers gehören. Sobald ein paar dieser exotisch anmutenden Vögel auf Überlandleitungen sitzend ausgemacht waren, wurde es ganz still in der Gruppe: Was für ein farbenprächtiges und leuchtendes Gefieder! Durchs Spektiv waren der blauschillernde Bauch, die gelbe Kehle, die braune Kopf- und Halspartie, der braungelb melierte Rücken und die braungrün schillernden Flügel genau zu erkennen. Die Gruppe konnte sich an diesen Prachtpapageien im Kleinformat nicht wirklich sattsehen, und so begann die Öko-Weinprobe in den Weinbergen eben ein paar Stunden später.
Vom Bienenfresser immer noch tief beeindruckt und mit beherrschendem Ausblick auf den inneren Kaiserstuhl verkostete man Weißburgunder, Ruländer, Spätburgunder, ... Weil der Nachmittag sich zum Abend neigte, wurde die Weinprobe in der Winzerhütte fortgesetzt - mit vielen Informationen zum ökologischen Weinbau und mit regionalen Käsesorten. Ausgeklungen ist dieser Himmelfahrtstag, der mit wahrlich Himmlischem gefüllt war, in der "Hexen-Strausse", einer Besenwirtschaft in Oberrotweil mit breitem Weinsortiment und hochgelobtem Elsässer Flammenkuchen.
Am Freitagvormittag ging es mit Engelbert Mayer zum Haselschacher Buck, einem der Kaiserstuhl-Berge. An dessen Fuß gab es nicht nur Zauneidechsen zu sehen, sondern tatsächlich auch Smaragdeidechsen, die sich dort in der Morgensonne aufwärmten: Imposante Reptilien, blaugrün schillernd gefärbt und mit ausgesprochen langem Schwanz, so dass die Gesamtkörperlänge mindestens 30 cm betrug. Dann wieder Blumenwiesen mit pfirsichblättriger Glockenblume, Skabiose , Natternkopf, Karthäuser Nelke und vielerlei Orchideen wie Bocksriemenzunge und Honigorchis. Immer wieder zogen Falter mit ihrem federleichten Flug über die bunten Wiesen: Häufig zu sehen waren Distelfalter, mehrere Widderchenarten (darunter das Beilfleck-Widderchen und auch zwei verlassene Puppenkokons) sowie Hauhechel- und Himmelblauer Bläuling; aber auch Alexis-, Argus- und kleiner Sonnenröschen-Bläuling wurden entdeckt. Darüber hinaus zeigten sich zwei der recht seltenen Wegerich-Scheckenfalter. An Sträuchern bereiteten sich grazil umwobene, schwarze Larven auf ihre Verwandlung zu Gespinstmotten vor und aus einem Wäldchen ließ der Baumpieper seine Stimme erschallen. Auf dessen typisches Verhalten machte Christoph Haller aufmerksam: Von Baumspitzen aus flog der Vogel in die Höhe, um dann wie ein Fallschirm herunterzugleiten. Auf dem weiteren Weg zum Badberg konnte bei der Mittagsrast am Waldrand ein kapitales Exemplar von Hirschkäfer bestaunt werden. Nach so viel Sonne und Natur war der Stadtbummel in Breisach am späteren Nachmittag willkommen. Das Münster in erhabener Lage bot den Ausblick über Breisach und den Rhein bis hinüber zu den Vogesen. Im Innern war der Holzschnitzaltar besonders interessant: er ist auf findige Weise höher als das Münster selbst. Am Abend gab es unter den Gartenwirtschafts-Kastanien der Oberrotweiler "Winzerstube" ein Treffen mit Mitgliedern des NABU Kaiserstuhl. Dabei wurde Stunde um Stunde stärker spürbar: Natur schätzen und schützen - das verbindet.
Um 6:30 Uhr am Samstagmorgen ging es im eleganten Reisebus zum nördlich gelegenen Naturschutzgebiet Taubergießen. Dieses Gewässersystem ist vom begradigten Rhein abgeschnitten ("taub"), wird aber über unterirdische Quellen gespeist, in die sich letztlich doch das Rheinwasser ergießt ("gießen"). Bei der Rheinfähre Kappel begann die Wanderung durch das Auengebiet, wobei zahlreiche Flussseeschwalben und sogar deren Küken zu beobachten waren; aber auch Teichrohrsänger, Reiherenten, der Eisvogel und ausdauernd singende Nachtigallen. In den Wiesen betörten Hummel-, Bienen- und Fliegenragwurz sowie Hundsbraunwurz, Brandknabenkraut , Bocks-Riemenzunge und Puppen-Orchis, aber auch das Kleine Mädesüß. Immer wieder machte Michael Rommel auf weitere Schmetterlingsarten aufmerksam, so auf den Rotklee-Bläuling und den Bienenwolf. Am "Blauen Loch", eine der Taubergießen-Quellen, ertönte ein vielstimmiges Froschkonzert, begleitet vom schwebenden Tanz mehrerer Libellenarten. An diesem "Blauen Loch" führte auch die nachmittägliche Kahnfahrt durch die Auenlandschaft vorbei und abermals erschallte der Chor der Frösche. Es war etwas Besonderes, mit erhabener Stille ganz flach über dem Wasser im Kahn dahinzugleiten, gesäumt von Gift- und Wasserhahnenfuß, Teichrosen, Geflügelter Braunwurz und Bittersüßem Nachtschatten. Dieses Erleben wäre sicherlich bereits genug gewesen; dennoch gab es auf der Rückfahrt noch zwei Höhepunkte: Die Uferschwalbenkolonie am Steilhang einer großen Kiesgrube mit überaus regem Flugverkehr hinein in die zahlreichen Brutröhren und ebenso wieder heraus. Schließlich dann in Niederrotweil der Besuch der St. Michaelskirche mit einem Holzschnitzaltar ebenfalls von Hans Loi - nicht minder interessant als dessen Altar im Breisacher Münster und vor dem Hintergrund farbiger Wandfresken besonders imposant. Am Sonntag empfing der Vorsitzende des NABU Kaiserstuhl die Gruppe in seinem Heimatort Eichstetten am Osthang des Kaiserstuhls zu einer letzten Rundwanderung. Auf Hohlwegen, die sich durch Erosion in den Löß gearbeitet haben, ging es nochmals hinein in die Weinberge. Den Weg säumte die Rapunzel-Glockenblume, deren Wurzeln früher als Gemüse genutzt wurden und die im gleichnamigen Märchen tatsächlich gemeint war - nicht der Ackersalat. Weitere Schmetterlingsarten konnten entdeckt werden, so zum Beispiel Kleiner Fuchs und Admiral bei der Eiablage. Bald öffnete sich der Blick in die Freiburger Bucht und schließlich gelangte die Gruppe zu der Stelle, wo man hinuntersehen konnte zu einer Hütte mit eingebautem Wiedehopf-Nistkasten. Jetzt kamen die Spektive wieder zum Einsatz und tatsächlich konnte man bald den Wiedehopf heranfliegen sehen mit seinem typischen, schmetterlingsartigen Flügelschlag. Auf einem Rebpfahl sitzend zeigte er eindrucksvoll seinen emporstehenden Federschopf und die kontrastreich schwarz-weiß gebänderten Flügel. Jetzt wurde jedem klar: es ist doch schade, dass man erst zum Kaiserstuhl fahren muss, um einen Wiedehopf zu sehen. Zum Abschluss besuchte die Gruppe den Eichstettener Kräuter- und Samengarten, in dem engagierte Gärtner ursprüngliche Kräuter- und Gemüsesorten durch Anbau und Samengewinnung zu erhalten versuchen. Dort verabschiedete sich die Schorndorfer Exkursionsgruppe von Engelbert Mayer und seiner Frau und bedankte sich mit viel Lob und Anerkennung, aber wohl am meisten damit, wie sehr sie von der Natur am Kaiserstuhl beeindruckt war. Großer Dank galt dann auch den Leitern der Exkursion, Christoph Haller und Michael Rommel: Es war die gelungene Mischung von Natur und Kultur, es war die Gelassenheit, in der man ohne Zeitdruck die Bilder und Erlebnisse in sich aufsaugen konnte, was dieser NABU-Ausfahrt eine besondere Qualität verlieh. Vielleicht war es kein Zufall, dass der Himmel sich dabei stets von seiner besten Seite zeigte. Manfred Stephan
(Eine Kurzfassung des Berichts erschien am 23.06.2003 in den Schorndorfer Nachrichten)
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