Exkursion nach Waghäusel

Rückblick auf die Exkursion vom 1. Mai 1997

Kurz hinter dem Walldorfer Kreuz liegt Waghäusel, eingebettet in die breite Rheinebene. Das Blaukehlchen wollten die rund 40 Teilnehmer der Exkursion im dortigen Naturschutzgebiet erleben. Wer jetzt an Auwälder mit mächtigen  Bäumen und dichtem Unterwuchs denkt, der irrt. Das Naturschutzgebiet "Wagbachniederung" besteht aus Schilfflächen und Seen, die von gut befestigten Wegen aus hervorragend zu überblicken sind.
Im Naturschutzgebiet lag noch leichter Nebel über dem Wasser, den die Sonne bald auflösen konnte; es war 8 Uhr morgens. Bei keinem der Vogelfreunde fehlte das Fernglas - aufgespürt wurden die Arten jedoch meistens mit den Ohren. Zuerst machte ein Feldschwirl seinem Namen mit anhaltenden Trillerstrophen alle Ehre. Dieser Zugvogel war sicherlich erst vor einigen Tagen hier angekommen. Obwohl er meist im dichten Bewuchs versteckt ist, saß er jetzt mit weit aufgerissenem Schnabel gut sichtbar auf einem Busch. Während nun die Ferngläser auf den Feldschwirl gerichtet waren, meldete sich ein Kuckuck, laut und deutlich, beinahe zum Greifen nah. Freilich ruft es auch in unserer Gegend immer wieder "kuckuck", doch wer hat denn schon einmal einen Kuckuck in der Natur gesehen? Hier zeigte sich dieser imposante Vogel mit dem langen, breiten Schwanz auf der Spitze eines Strauches im hellen Morgenlicht. Wie der Kuckuck ruft, konnte man jetzt nicht nur hören, sondern zugleich durch das Fernglas auch deutlich sehen. Rasch stellte sich Konkurrenz ein: Ein zweites Kuckuck-Männchen gab heftig Paroli und schließlich zeigten sich den Beobachtern drei Kuckucke auf einen Blick.

An der Biegung des Weges ertönte aus einer Sträuchergruppe ein klarer, anmutiger Gesang. Die Nachtigall? Um 9 Uhr vormittags? Tatsächlich! Nach kurzem Suchen war sie im Gebüsch gesichtet, den rostbraunen Schwanz auffallend angehoben. Und abermals flötete sie ihr Lied mit dem typischen Nachtigallenschlag. Ähnlich wohlklingend ertönte nun ein Gesang, den einige aus unseren Parks und Gärten kennen: Das Lied der Mönchsgrasmücke. Der Name lässt ein zierliches Vögelchen vermuten - entsprechend überrascht war, wer jetzt den buchfinkengroßen Vogel zum ersten Mal sah. Das Männchen war mit seiner tiefschwarzen Kopfplatte wohl ausschlaggebend für den Namen; wer sein Erscheinungsbild erst einmal ausgemacht hatte, konnte diesen perlend singenden Vogel immer wieder am Schilfrand entdecken. Teichrohrsänger machten im Schilf durch ihren Stakkato-Gesang auf sich aufmerksam, ließen die Vogelbeobachter einige Zeit suchend spähen, um dann aus dem Dickicht des Schilfs an einem Halm aufzusteigen, in halber Höhe die rollenden Töne hervorzupressen, weiter aufzusteigen bis zur Halmspitze, dort abermals den schnarrenden Gesang in alle Richtungen zu verbreiten und schließlich wieder ins Schilfgras abzutauchen. Dieses Schauspiel wiederholte sich immer wieder - dennoch hieß es weitergehen, denn letztlich wollte man ja das Blaukehlchen sehen. Da zeigte sich ein Rohrammer-Männchen im schönsten Brutkleid, Kopf und Kehle tiefschwarz, der Rücken kräftig schwarzbraun gewellt im Gegensatz zum hellen Bauchgefieder. Wolfgang Schnabel, der zusammen mit Arnold Sombrutzki die Exkursion leitete, erklärte beiläufig: Helle Federn wie am Bauch befinden sich auch unter den dunklen Federn des Rückens - man kann dies am deutlichsten sehen, wenn man im Herbst einer Rohrammer ins Genick bläst. Dazu muss man sie freilich erst einmal fangen, was selbstverständlich den hierfür lizensierten Fachleuten vorbehalten bleibt.

Kanadagänse
Foto: G. Lang

Unzählige Lachmöwen machten ein unaufhörliches Geschrei und vertrieben mit aggressiven Flugmanövern eine Rohrweihe aus ihrer Brutkolonie. Durch dieses Geschrei hindurch ist endlich zu hören, worauf sich die Vogelfreunde besonders freuten: Das Blaukehlchen. Mit sprudelndem Gesang machte es auf sich aufmerksam, zeigte sich aber zunächst nur von hinten - ein schlanker, spatzengroßer Vogel mit ebenso schlankem, spitzen Schnabel. Bald tauchten weitere Blaukehlchen auf, blieben kurz auf Schilfhalmen sitzen, flöteten ihr Lied in die regungslose Luft und huschten weiter zu einer anderen Stelle. Kaum waren Fernglas oder Spektiv richtig einjustiert, da war das Vögelchen auch schon wieder weitergeflogen. Um so beeindruckender, wenn es gelang, das Blaukehlchen im hellen Sonnenlicht von vorne zu sehen: Die Kehle strahlte in kräftigem Blau, geziert von einem ebenso leuchtenden, weißen Stern in der Mitte. Stolz saß der kleine Vogel auf einer Halmspitze und streckte seinen Schwanz in die Höhe - dessen orangerote Unterseite erinnert an das Rotschwänzchen. Immer wieder entdeckte man im Schilf entlang des Weges weitere Blaukehlchen und immer wieder blieb die Gruppe stehen und genoss den Anblick - man konnte sich einfach nicht daran satt sehen.

Doch die Exkursion sollte noch weitere Höhepunkte bieten: Auf einer offenen Wasserfläche zeigte sich eine Möwenart, die selbst der erfahrene Vogelkundler Wolfgang Schnabel zum ersten Mal in freier Natur sah: Die Zwergmöwe. Kleiner als die Lachmöwe und mit gedrungenerer Gestalt ist sie insbesondere am völlig schwarzen Kopf zu unterscheiden. Dahinter schwamm groß und behäbig ein Kanadagänse-Paar durchs Wasser, begleitet von ihren drei hellgelb gefiederten Küken - ein erhabenes und friedliches Bild. Jetzt quakten auch einige Frösche. Immer wieder waren die Rufe des Kuckucks zu hören. Doch zum Abschluss bot diese Vogelart ein besonderes Schauspiel: Nur etwa 100 Meter vom Weg entfernt saß ein Kuckuck-Weibchen auf halber Höhe in einem Strauch. Mit lauten Rufen wurde es von einem Männchen umworben, das sich dem Strauch mehr und mehr näherte, dabei immer wieder sein "kuckuck" ertönen ließ und in sichtlicher Erregung den langen Federnschwanz hin- und herwog. Offenbar vom Ziel seiner Bemühungen noch entfernt, flog das Männchen wieder einige Meter vom Strauch weg, setzte sich auf den Boden und fing die Balz von Neuem an. Ob die beiden ein glückliches Paar wurden, konnte die Exkursionsgruppe nicht mehr feststellen - sie war mit vielerlei Eindrücken und Erlebnissen bereits auf dem Weg zurück nach Schorndorf.

Manfred Stephan
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