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Schorndorfer Nachrichten
vom 20. September 2008 Sechs Euro? "Später zahla mir mehr"Apfelsegen rund um Schorndorf lässt viele Bäume zusammenkrachen / Saftpressen auf Hochtouren
Von unserem Redaktionsmitglied Martin Pfrommer
Schorndorf und Umgebung. Rechte Schwaben, bei denen das Obststückle zum seelischem Wohlbefinden gehört und die Äpfel trotz Tiefstpreis vermosten, sind derzeit echt gefordert: erst mähen, dann buckeln und Massen Herr werden, die heuer schon manch Baum zusammenkrachen ließen. Später: sägen, verarzten! Manche Moster sehen die Ernte als kaum schlechter an als die im Rekordjahr 2000. Andere meinen: guter Durchschnitt.
Des einen Freud', des anderen Leid: Die Preise für den Doppelzentner Mostobst sind heuer aufgrund der stattlichen Ernte wieder mal schön im Keller. Magere sechs Euro bieten sie alle derzeit in hübscher Einträchtigkeit - etwa Bauer in Großheppach, Ricker in Haubersbronn, Knauer in Geradstetten, Zehnder in Urbach und Petershans in Bittenfeld. Im vergangenen Jahr ist der Preis nach verhaltenem Auftakt auf bis zu 15 Euro geklettert, aber das hat zum einen an einem Mai-Frost gelegen, der die Apfelernte in Polen halbierte und um eine Million Tonnen verringerte, und an einer bescheidenen Orangenernte, die auch die Saftpreise in Discountern nach oben trieb. Beides hat 2007 den Stücklesbesitzern nach mageren Jahren endlich auch Freude im Geldbeutel beschert. Obwohl das keiner so zugibt. "Damals war's ein Nullsummenspiel", diesmal "ist's nicht mal der Sprit. Wer sich do bückt, isch selber schuld", sagt etwa der Geradstettener Obstbauvereins-Vorsitzende Klaus Lederer. Er macht aus seinen vielen Äpfeln in seiner Brennerei heuer Hochprozentigen. Jürgen Petershans aus Bittenfeld empfiehlt Stücklesbesitzern, "möglichst viele Äpfel noch druffhänga" zu lassen. "Später zahla mir mehr", dann, wenn die Äpfel süßer sind.
Während im unteren Remstal der Hagel heuer manches verdorben hat, hängen rund um Schorndorf die Bäume brechend voll. Etliche Äste sind gestützt und doch sind schon manche unter süßer, schwerer Last zusammengebrochen. Seit der ersten Septemberwoche laufen die Pressen auf Hochtouren, fressen tonnenweise Äpfel und spucken für den Doppelzentner je nach Kalkulation und Sorte zwischen 60 und 70 Liter Apfelsaft aus. Am besten fährt, wer sich den Saft gutschreiben lässt. Dann kriegt er (sie) den Liter für die Hälfte. Hart die Arbeit, karg der Lohn: So sammelt beispielsweise der MV Gemeindekapelle Plüderhausen derzeit für seine Jugendkasse auf zwei Stückle. Heute, 9.30 Uhr, geht's zum zweiten Mal raus zum Klauben. Beim ersten Mal kamen 1,6 Zentner zusammen. Na ja.
Inserat aufgegeben, um dem Jüngsten den Führerschein zu sponsern
Mehr Resonanz und G'schäft, als sie sich vorher träumen ließ, hat die Rudersberger Familie Adam. Im Gemeindeorgan "Büttel" inserierte sie: "An alle Obstbesitzer, die nicht selber ernten können! Übernehmen gerne Ihre diesjährige Obsternte. Eine schonende Baumbehandlung wird zugesichert." Die Adams, mit sechs Kindern gesegnet, wollten mit dem Erlös den Führerschein ihres Jüngsten sponsern. Dieser sammelt dafür sogar selber mit. Wie Hugo Adam verrät, rief bereits um halb acht am nächsten Tag nach dem Inserat der Erste an. 30 Bäume. Dann ging's los. "Wir sind mit unserer Kapazität am Ende", sagte der Wieslauftäler dieser Tage. Die vergangenen Wochen waren für die Adams hart und eine Fortbildung: Gerade für ältere Leute ist "der Segen zum Unsegen geworden". Hugo Adam ist aber auch vorsichtig geworden, wenn in Gesprächen deutlich wird, dass es doch noch einen Sohn gibt, der sich eigentlich kümmern könnte. Sie wurden auch gefragt, ob sie vom Nabu sind, und ein alter Mann befürchtete, dass sie nicht nur Äpfel holen, sondern auch noch Geld dafür wollen. Ihm hat mal eine Halsabschneiderfirma fürs Baumschneiden 200 Euro abgeknöpft ...
Je weiter es raufgeht im Remstal, desto eher scheinen die Leute auch noch bereit zu sein, sich wie anno ehedem ein Fässle Most in den Keller zu stellen. So gibt's etwa in Plüderhausen bei Ralf Härer für 100 Kilo "65 bis 70 Liter eigenen Saft", den die Leute gleich mitnehmen können "in einem Transportfässle mit 350 Liter" oder "in kleiner Menge mit 60 Liter". Härer, der derzeit auch Äpfel für Bauer sammelt, liebäugelt damit, in Zukunft auch kleinere Mengen selber zu pasteurisieren und in Fünf-Liter-Buddeln zu verkaufen. Ähnlich machen's Elfriede und Manfred Zehnder in Urbach. Da gibt's erhitzten Saft in die Plastikbox. Ein Jahr soll der Saft haltbar sein. Elfriede Zehnder: "Wenn's offen ist, muss man ihn in vier Wochen trinken."
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