Stuttgarter Zeitung
vom 22. August 2005

Nieder mit den Weiden - es lebe das Schilf

Helfer des Naturschutzbunds Schorndorf schuften in einem der größten Vogelschutzgebiete im mittleren Remstal

URBACH. Naturschutz schafft und erhält einzigartige Landschaften - kostet aber auch viel Schweiß. Das haben am Samstag 18 ehrenamtliche Helfer im Schutzgebiet "Seelachen" zwischen Urbach und Schorndorf bewiesen. Es galt, Brut- und Futterplätze für Vögel zu sichern.
Von Oliver Hillinger
Wenn das Gebiet nicht schon Seelachen heißen würde, an diesem feuchten Augustmorgen hätte es den Namen wohl endgültig verliehen bekommen: Aus dem hohen Gras perlt der Regen der letzten Nacht und glitscht gegen Schuhe und Hosenbeine. Die 18 ehrenamtlichen Helfer des Naturschutzbunds (Nabu) Schorndorf, die unterhalb einer Böschung inmitten einer Feuchtwiese arbeiten, schreckt die Nässe indes nicht. Obwohl einige Helfer fast bis zur Oberkante ihrer Gummistiefel im Morast stehen, es wird emsig gemäht, gehackt und gezupft, Weiden- und Erlensprösslinge vor allem. Und das alles den Vögeln zuliebe.
Beim Pflegeeinsatz
Naturschutz ist mitunter eine schweißtreibende Arbeit.
Bild:Honzera
Denn hier, kaum einen Kilometer südlich der B 29, wächst gerade eines der größten Vogelschutzgebiete des mittleren Remstals heran. Mehr als 40 Hektar haben die Naturschutzbehörden im Laufe der Jahre von Landwirten aufgekauft, erzählt der Nabu-Aktive Jörg Daiss. Sogar einige Seen gibt es hier, Überreste ehemaliger Kiesgruben und alter Flusskurven der Rems, die sich vor 150 Jahren dort nach Herzenslust unbegradigt durch das breite Tal ringeln konnte. Vor drei Jahren schickte das Regierungspräsidium Bautrupps mit schweren Maschinen - eine späte Ausgleichsmaßnahme für den Ausbau der Bundesstraße. Sie hoben massig Erde aus. Um zwischen zwei Seen Flachwasserzonen zu schaffen. Für viele seltene Vogelarten wie Graureiher. Wasseramseln und Sumpfrohrsänger sind sie ein gern besuchter Platz, weil sich ihre Leibspeisen. Fische und bestimmte Insekten, zahlreich tummeln.
Doch das bliebe nicht so, würde man das Gebiet sich selbst überlassen. Jörg Daiss deutet auf eine Böschung voller Weidensprösslinge. die sich nach drei Jahren fast mannshoch gen Himmel recken. Noch ein paar Jahre, und die jungen Bäume hätten die ganzen Seeufer eingenommen und aus der ökologisch wertvollen Staudenflur einen Wald gemacht. Deshalb steigen die Nabu-Helfer zwei- bis dreimal im Jahr in die Gummistiefel, um auf dem Areal rund um die Seen die Weiden klein zu halten und dem Schilf eine Chance zu geben. Die Schilfstauden bieten nämlich das ideale Baugerüst für die Vogelnester vieler Arten, erzählt Daiss. Und wenn das Schilfgras hoch genug ist, werden die Baumsprösslinge von allein verdrängt.
Der Lohn dieser schweißtreibenden Schlammschlacht hat sich schon eingestellt: Viele seltene Vogelarten haben die Nabu-Aktiven rund um die Seen beobachtet. Zum Beispiel den prächtig farbigen Eisvogel, der direkt aus dem Flug den Fischen hinterher tauchen kann. Im Winter legen Kormorane gerne eine Pause an den Seen ein, das sind die Vögel, die ihre wuchtigen gelben Schnäbel mit Fischen nicht voll genug bekommen können. Der königlichste Besucher in den Seelachen war ein Fischadler, der vor einiger Zeit drei Wochen lang mit seinen mächtigen Schwingen seine Runden über dem Gebiet drehte. Jörg Daiss konnte ihn schon morgens sehen, auf dem Weg zur Arbeit von der Bundesstraße aus. "Der Vogel saß ganz oben auf dem Hochspannungsmast."
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