Stuttgarter Zeitung
vom 1. September 2004

Den Halsbandschnäpper als Horrorvogel verunglimpft

Nabu Schorndorf erzürnt über Plakate, die Befürworter der Umgehungsstraße an der Haubersbronner Ortsdurchfahrt aufgehängt haben

SCHORNDORF. Im Schorndorfer Ortsteil Haubersbronn liegen offenbar einige Nerven blank. Befürworter der Umgehungsstraße haben Fahndungsplakate aufgehängt, auf denen sie nach Vögeln suchen, die auf dem Baugelände brüten sollen. Tierschützer zeigen sich wenig amüsiert.
Von Thomas Schwarz
Der Geschmähte weiß gar nicht, dass er Gegenstand einer absurd anmutenden Kampagne ist: Der Halsbandschnäpper ist ein kleiner Vogel, kleiner als ein Spatz und völlig harmlos. Dennoch hängen in Haubersbronn Schilder mit der Aufschrift: "Wanted: Halsbandschnäpperpaar". In Haubersbronn ist die Vogelart wohl zum Sündenbock für Verzögerungen beim Bau der Ortsumgehung geworden. Tierschützer hatten, wie berichtet, Einspruch gegen die Baupläne eingelegt mit dem Hinweis, im Baugebiet brüte der seltene Halsbandschnäpper. Einige Haubersbronner, die seit Jahren unter dem Durchgangsverkehr leiden, bekamen daraufhin einen dicken Hals und bezeichnen den Halsbandschnäpper nun als "Horrorvogel". Das und die Warnung, das Vogelpaar brüte in einem Nabu-Nistkasten, war wiederum den Tierschützern zu viel.
Wanted? Wat den?
Die Schilder an den Ortseingängen von Haubersbronn sind umstritten. Foto Honzera
 
Die Plakate stellten eine "plumpe Hetzkampagne gegen die Natur" dar und enthielten "Unwahrheiten" schreibt Manfred Stephan, der Pressereferent des Naturschutzbundes (Nabu) Schorndorf, an die Stadtverwaltung. Und: "Wir lassen die Zulässigkeit dieser Plakatierung prüfen und ebenso die Möglichkeit resultierender Sanktionen." Weiterhin stellt der Nabu klar, dass auf keinen Fall der Stadt Schorndorf durch den Klärungsprozess bezüglich der Umgehungsstraße "unnötige Nachteile" entstehen sollen. "Deshalb lege ich es Ihnen nahe, die bezeichneten Plakate sofort entfernen zu lassen." Schießt da gar ausgerechnet der Nabu mit Kanonen auf Spatzen?
Unbestritten sind die Schilder wenig geistreich. Sie als "Verunglimpfung der Natur" zu bezeichnen, scheint aber fast zu viel der Ehre. Doch Nabu-Sprecher Manfred Stephan kann durchaus erklären, warum seitens des Naturschutzbundes so scharf reagiert wurde. "Es ist eine Hetzkampagne gegen die Natur und auch gegen den Nabu." Es werde der Eindruck erweckt, durch den Vogel und den Naturschutzbund werde die Umgehungsstraße blockiert. Das aber sei nicht der Fall. Manfred Stephan stellt noch einmal ausdrücklich fest, dass der Nabu die Umgehungsstraße nicht verhindern will. "Uns geht es darum, dass ein ausreichender Umweltausgleich stattfindet." Es könne nicht angehen, dass jemand falsche Behauptungen wild plakatiert und das auch noch toleriert werde. Gestern habe ihm nun das Ordnungsamt mitgeteilt, die Plakate würden noch am selben Tag entfernt werden.
Dass jemand wegen der Plakate auf Vogeljagd gegangen wäre, halte er für unwahrscheinlich, sagt Stephan. Außerdem sei der Halsbandschnäpper schwer zu finden. Die Vögel, die wegen der weißen Zeichnung am Hals diesen Namen haben, seien bereits längst wieder in Afrika. Dass man sie selten zu Gesicht bekomme, sei jedoch kein Grund, ihren Fortbestand mit der Bemerkung "Wer vermisst die schon?" abzutun. "Die Vögel zu beobachten ist schon außergewöhnlich." Schließlich seien die Halsbandschnäpper eine regionale Besonderheit. Sie brüteten lediglich in Teilen Württembergs und Bayerns. Schon deshalb ist es absurd, den Halsbandschnäpper als Horrorvogel zu verunglimpfen. Keineswegs handelt es sich beim Halsbandschnäpper um ein bösartiges Federvieh, sondern um ein winziges Schnäpperle.
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