Stuttgarter Nachrichten
vom 1. September 2004

Harmloser kleiner Vogel als Sündenbock

Nabu: Hetzkampagne gegen Halsbandschnäpper

Schorndorf - Bringt ausgerechnet der Halsbandschnäpper, ein putziges Federvieh, die Umfahrung Haubersbronn zur Strecke? Anwohner der viel befahrenen Ortsdurchfahrt und Mitglieder des Naturschutzbundes (Nabu) stehen sich unversöhnlich gegenüber.
Von Dirk Herrmann
Eigentlich schien, nach vorherigen jahrzehntelangen Diskussionen, alles geregel für die Westumfahrung. Schließlich hatten die Haubersbronner häufig genug protestiert gegen den Durchgangsverkehr mit 27 000 Personen- und vor allem Lastwagen, die täglich wenige Meter an ihren Haustüren vorbeidonnern. Zehn Millionen Euro Zuschuss waren vom Land bereits zugesagt. Doch dann legte der örtliche Naturschutzbund in diesem Frühling Beschwerde bei der Europäischen Kommission ein. Konkret geht es um einen neun Hektar großen Sporn, der vom Halsbandschnäpper als Lebensraum genutzt wird. Dieses Gebiet, so der Nabu-Vorwurf an die Stadt, sei gar nicht als Vogelschutzgebiet gemeldet worden.
Für Oberbürgermeister Winfried Kübler und die Vertreter des Stuttgarter Ministeriums Ländlicher Raum stand alsbald die Dienstreise nach Brüssel auf der Agenda, um die dortigen Beamten beispielsweise mit Luftbildern davon zu überzeugen, dass in Schorndorf der Vogelschutz nicht auf der Strecke bleibt. Das Urteil der Brüssler Bürokratie wird freilich erst im Herbst erwartet.
Vogelschutz oder Menschenschutz? Nabu-Pressesprecher Manfred Stephan fordert weitere 18 Hektar an Ausgleichsfläche in Form von Ersatzbiotopen und wettert gegen die "Missachtung der Brutreviere europaweit geschützter Vögel". OB Kübler wiederum erkennt "menschenverachtenden Zynismus" beim Nabu und weiß dabei die Anwohner der Durchgangsstraße hinter sich. Das "ganze Gezeter um die armen Vögel" sei absurd, erklärt ein Leserbriefschreiber in der Lokalzeitung, die Nabu-Aktivisten "tun gerade so, als würden das Rems-, Fils- und Neckartal komplett zubetoniert" - der Vogel sitze derweil auf einem anderen Zweig "und trällert sich eins, angesichts eurer Profilneurose".
Jetzt sind an den Haubersbronner Ortseingängen die Laternenmasten mit Plakaten behängt worden. Schlagzeile: "Wanted: Halsbandschnäpper". Sein Vergehen: Er ist für den Baustopp der Straße verantwortlich. Für Nabu-Sprecher Stephan ist dies "eine plumpe Hetzkampagne gegen die Natur". Die Stadt, so seine Forderung, solle die Plakate sofort entfernen lassen. Tatsächlich inspizierte am Dienstag ein Ordnungsbeamter die Haubersbronner Tatorte und entfernte die ohne Genehmigung aufgehängten Vogelplakate. "Man muss es ja nicht auf juristische Plänkeleien ankommen lassen", meinte Rathaus-Sprecher Jörg Aschbacher am Nachmittag. Die beiden Haubersbronner Halsbandschnäpperpärchen dürfen also weiter durch die Streuobstwiesen flattern - während das Hauen und Stechen in Haubersbronn um die Umgehungsstraße noch lange nicht am Ende scheint.
Verschaffen Sie sich einen Überblick über Seiten mit ähnlichen Themen


zum Seitenanfang Drucken