Schorndorfer Nachrichten
vom 14. August 2004

Ein Berggorilla in Ruanda ist leichter zu schützen...

... als der Halsbandschnäpper im Remstal, meint der NABU, der ein neues Gutachten zum von der Ortsumfahrung tangierten "Sporn" vorlegt

Fast alle Vögel, die früher registriert wurden, sond noch da in der jetzt vom NABU vorgelegten Untersuchung: der Halsbandschnäpper (links oben), der Grauspecht (Mitte) und der Grünspecht, der Neuntöter (rechts oben) und der Wendehals (rechts unten). Nur der Mittelspecht (links unten) fehlt.
Von unserem Redaktionsmitglied Hans Pöschko
Schorndorf-Haubersbronn.
Der Eindruck, dass der NABU, was seinen Kampf um ein durch die Haubersbronner Ortsumfahrung bedrohtes Vogelschutzgebiet angeht, auf dem Rückzug und durch ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten erschreckt worden ist, ist falsch. Sagen der Schorndorfer NABU-Vorsitzende Arnold Sombrutzki und Pressesprecher Manfred Stephan und legen ihrerseits ein neues Gutachten vor, das belegen soll, dass es sich beim strittigen "Sporn" sehr wohl um ein "faktisches" Vogelschutzgebiet handelt.
Nach Einschätzung der beiden Natur- und Vogelschützer enthält das Gutachten, auf dem die Stadt ihre Argumentation gegen ein faktisches Vogelschutzgebiet gründet und das dem NABU erst nach mehrfacher Aufforderung und nach Einschaltung des Ministeriums für Ländlichen Raum überlasen worden ist, "einige unglaubliche Aussagen". Zu denen rechnen Sombrutzki und Stephan die Feststellungen, dass die Streuobstwiesen im "Sporn" stark ertragsorientiert genützt würden und dass es wenig geeignete Bruthöhlen gebe. Die beiden verweisen auf eigene, nicht einmal vollständige Untersuchungen, in denen 54 belegbare Höhlen und 120 Ansätze von Faullochstellen, die sich mittelfristig zu Höhlen entwickeln könnten, nachgewiesen sind.
Soweit die eigenen Erkenntnisse. Die gutachterliche Feststellung, dass und warum es sich bei dem von der geplanten Ortsumfahrung tangierten Sporn um ein faktisches und damit schützenswertes Vogelschutzgebiet handelt, hat die NABU-Ortsgruppe mit dem Remsecker Diplom-Biologen und Zoologen Dr. Jochen Hölzinger einem anerkannten Fachmann überlassen. Und der hat mit dem Halsbandschnäpper, dem Neuntöter, dem Grauspecht und dem Wendehals vier nach der europäischen Vogelschutzrichtlinie europaweit geschützte Vogelarten und mit dem Grünspecht und dem Gartenrotschwanz zwei weitere festgestellt, die als gefährdete Arten auf der "roten Liste" des Landes Baden-Württemberg stehen.
Was die Anzahl der Reviere angeht, so reichen die von einem beim Wendehals, Grau- und Grünspecht über zwei beim Neuntöter bis zu sechs beim Gartenrotschwanz. Am gravierendsten aber sind aus Sicht des NABU die drei Halsbandschnäpper-Reviere, zu denen ein weiteres, an Rand gelegenes kommt. Davon ausgehend dass großräumig ein Halsbandschnäpperpaar auf 100 Hektar Fläche komme, zeigt das Vorkommen von drei Paaren auf nur zehn Hektar Fläche in diesem Bereich, dass hier die Lebensraumstrukturen absolut passten. Und dass es, so eine weitere Schlussfolgerung des NABU, den Übergang zwischen dem bereits gemeldeten benachbarten Vogelschutzgebiet und dem Sporn gebe, der also keineswegs isoliert betrachtet werden könne.
Nicht halten lässt sich aus Sicht des Gutachters und des NABU auch die Argumentation der Stadt und ihres Gutachters, dass der Sporn durch die Hochspannungsleitung und die nahe gelegene Schießanlage ohnehin schon nachhaltig beeinträchtigt sei. "Es ist müßig, sich Gedanken über die Beeinträchtigungen zu machen, wenn die Vögel nun mal da sind", meint Manfred Stephan und verweist darauf, dassHalsbandschäpperpaar sogar in unmittelbarer Nähe des Schützenhauses registriert worden sei. Gerade Baden-Württemberg habe, so Arnold Sombrutzki unter Verweis auf ein Schreiben der EU-Kommission vom April 2003 eine besondere Verantwortung für den Schutz des Halsbandschnäppers. Aber obwohl die Voraussetzungen bezüglich der Lebensräume für diese bedrohte Art günstig seien, begnüge sich Baden-Württemberg bisher damit, 17 Prozent der geeigneten Fläche und damit den Lebensraum von nur 513 Brutpaaren zu schützen. In ganz Deutschland gebe es insgesamt zwischen 2 800 und 3 900 Brutpaare. "Das ist nicht viel" meint Arnold Sombrutzki und fügt sarkastisch hinzu: "Ein Berggorilla in Ruanda ist leichter zu schützen als ein Halsbandschnäpper im Remstal."
Als absurd weisen Stephan und Sombrutzki die Küblersche Unterstellung zurück, der NABU habe von vornherein das Ziel verfolgt, eine Ortsumfahrung auf dieser Seite zu verhindern. Der NABU, hält Sombrützki entgegen, habe sich ausschließlich an der Fakten- und Datenlage orientiert, und nach der hätte das fragliche Gebiet schon lange vor der Trassenfestlegung unter Schutz gestellt sein müssen. "Wir haben die Vögel nicht dorthin getragen", sagt Manfred Stephan. Abstrus sei eher auch der Hinweis, die Vögel könnten sich ja auch einfach ein paar hundert Meter weiter niederlassen. "Wenn's so einfach wäre bräuchten wir keine Vogelschutzrichtlinie und kein Natura-2000-Projekt", sagt Stephan, der erwartet, dass die NABU-Einwände bei der EU ernst genommen werden
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