Schorndorfer Nachrichten
vom 11. Juni 2004

Neues Gutachten: Sporn als Vogelschutzgebiet ungeeignet

Begründung: Zu viele Störfaktoren / Kübler am Montag zu entscheidenden Verhandlungen über die Ortsumfahrung in Berlin

Schorndorf-Haubersbronn.
Bestärkt durch ein neues Gutachten, das den Geländesporn westlich von Haubersbronn, an dem der Naturschutzbund (NABU) seine Beschwerde gegen die Ortsumfahrung Haubersbronn aufhängt, nicht als faktisches Vogelschutzgebiet einstuft, reist Oberbürgermeister Winfried Kübler nach Berlin. Dort verhandeln Vertreter der Europäischen Kommission mit Vertretern des Bundesumweltministeriums und des baden-württembergischen Ministeriums für Ländlichen Raum über die Beschwerde.
Geplante Westumgehung Haubersbronn
Um den "Sporn" in der Mitte, der Anhängsel eines großen Vogelschutzgebietes ist, und um die Frage, ob die Umfahrung ein "faktisches" Vogelschutzgebiet durchschneidet, geht's in Berlin.
Zusammengefasst kommt das Gutachten des Büros für Umweltplanung in Niefern-Öschelbronn, das in seinen Untersuchungen den fraglichen "Sporn", der von der Trasse der Ortsumfahrung am Rand passiert wird, in Relation zum gesamten Vogelschutzgebiet zwischen Geradstetten und Waldhausen untersucht hat, zu dem Ergebnis, dass der Sporn, der 1,1 Prozent des fast 1 600 Hektar großen Schutzgebietes ausmacht, angesichts von bereits vorhandenen Störfaktoren als nicht geeigneter Schutzraum angesehen werden muss. Als "Störfaktoren" benannt sind die 110 kV-Leitung, der Betrieb des Schützenhauses, und der Umstand, dass weite Flächen des vom NABU als unverzichtbar angesehenen Gebietes ohne Baumbestand sind.
Die besonders schützenswerte Vogelart Halsbandschnäpper sei aber, so heißt's im Gutachten, hinsichtlich seiner Brutplätze auf ältere Baumbestände angewiesen. Auffällig aus Sicht des Gutachters ist auch, dass die zwei im untersuchten Gebiet festgestellten Halsbandschnäpper-Brutpaare - genauso übrigens wie der mehrfach registrierte Gartenrotschwanz und der einmal festgestellte Wendehals - künstliche Nisthöhlen benutzt haben. Worauf Oberbürgermeister Winfried Kühler folgert, dass diese Vogelarten speziell auf dieses Gebiet nicht angewiesen sind, weil sie sich auch in den benachbarten Schutzräumen einnisten könnten.
Mit Schutzgebieten "schon gut bedient"
"Was sollen wir denn noch schützen?", fragen unisono der Oberbürgermeister und Planungsamtsleiter Manfred Beier und verweisen darauf, dass Schorndorf mit einem bereits beschlossenen beziehungsweise noch geplanten Natura 2000-Schutzge-bietsanteil von 31 Prozent der .Markungsfläche - unter Berücksichtigung der Landschafts- und Naturschutzgebiete sind's sogar deutlich über 40 Prozent - "schon gut bedient" ist. Nur eine Vermutung Küblers ist's, dass der NABU seinerzeit im Gegensatz zum Land die umstrittene Schutzgebietszone bewusst bis an den westlichen Siedlungsrand von Haubersbronn herangezogen hat, um die vom NABU favorisierte Tunnellösung als die einzige aus naturschutzrechtlicher Sicht vertretbare erscheinen zu lassen. Bestärkt wird Kühler in diesem Verdacht dadurch, dass durchaus sehr geeignete Flächen mit älteren Streuobstbeständen südlich und nördlich des Sporns nicht vorgeschlagen worden sind. "Das ist ungewöhnlich und verdeutlicht umso mehr, dass Haubersbronn von den Schutzgebieten regelrecht in die Zange genommen werden sollte", stellt Kübler fest und misst diesem Aspekt auch insofern Bedeutung bei, als es ausreichend Ersatzflächen für den ohnehin weniger geeigneten Sporn gibt.
Nichts halten Kübler und Beier vom Verfahrensvorschlag des NABU, den Sporn als faktisches Vogelschutzgebiet nachzumelden und anschließend eine Befreiung in Form~ einer Ausnahmeregelung zu bewirken. Dieses Verfahren, befürchtet Manfred Beier, würde so viel Zeit kosten, dass die vom Land zugesagten Gelder verfallen würden und auf lange Sicht nicht wieder zu bekommen wären. "Dafür wäre für lange Zeit der Vogelschutz garantiert", versucht's Kühler mit Sarkasmus und versteht nicht, warum ein umständlicheres Verfahren gewählt werden soll - "erst ausweisen, dann beeinträchtigen und wieder ausgleichen" -'wenn am Schluss doch das Gleiche herauskommt: Nämlich dass die Straße gebaut werden kann.
Kübler erwartet ein Völler-Gefühl
Als problematisch in dieser Auseinandersetzung gerade auch im Hinblick auf den Termin am Montag empfindet's Winfried Kübler, dass bei der Abwägung ausschließlich Gesichtspunkte des Vogelschutzes eine Rolle und die Schutzansprüche der Haubersbronner Bürger so gar keine Rolle spielen. "Die Menschen können nicht einfach wegfliegen und sich jedes Jahr woanders ein neues Nest bauen", gibt der Oberbürgermeister zu bedenken, der davon ausgeht, dass eine Entscheidung, ob die NABU-Beschwerde in Brüssel aufgegriffen wird oder nicht, erst nach den Sommerferien fällt. Insofern wird er am Dienstag nur mit einer Tendenz respektive einem Gefühl von Berlin heimkehren. "Da geht's mir wie dem Rudi Völler nach einem Testspiel", wagt Kübler einen aktuellen Vergleich.
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