Schorndorfer Nachrichten
vom 5. Juni 2004

NABU: Weg des OB hat wenig Aussicht auf Erfolg

NABU bezieht Stellung zu Natura 2000 und geht auf Konsequenzen für den Schurwald und den Bau der Umfahrung Haubersbronn ein

Schorndorf (pm).
Aussagen in den jüngst in unserer Zeitung erschienenen Beiträgen "Ortsumfahrung Haubersbronn: Ein weiteres Gutachten soll helfen", "31 Prozent unter europäischem Schutz", "Aufhebung Hühnernestquelle", "Unklarheit um Vogelschutzgebiete" nahmen Michael Rommel und Manfred Stephan vom NABU Schorndorf nun zum Anlass, über Natura 2000 aufzuklären, um "Unklarheiten und Unsicherheiten" im Raum Schorndorf auszuräumen. Die (gekürzte) Stellungnahme des NABU:
Was ist Natura 2000?
Mit Natura 2000 wollen die Staaten der Europaischen Union die biologische Vielfalt in Europa erhalten. 1992 beschlossen sie mit der FFH-Richtlinie (Fauna/Tierwelt, Flora/ Pflanzenwelt, Habitat/Lebensraum), für die Lebensräume und Vorkommen gefährdeter Tier- und Pflanzenarten ein europaweites Schutzgebiets-Netzwerk aufzubauen. Es bildet zusammen mit den Flächen der 1979 erlassenen EU-Vogelschutzrichtlime das europäische schutzgebiets-Verbundsystem Natura 2000. FFH-Richtlinie und Vogelschutzrichtlinie sind in nationales Recht der EU-Staaten umzusetzen, um das europäische Naturerbe zu bewahren.
Warum brauchen wir Natura 2000?
Vor Natura 2000 waren Naturschutzgebiete und Naturdenkmale die wichtigsten Räume für seltene Tier- und Pflanzenarten. Diese Flächen konnten und können den Fortbestand der Arten jedoch nicht sicherstellen - weil sie meist zu klein sind und zu weit voneinander entfernt liegen. Auf den Roten Listen der im Land gefährdeten Arten stehen bereits 3 460 Tier- und Pflanzenarten, rund ein Drittel aller vorkommenden Arten. Die roten Listen werden immer länger! Außerhalb der Schutzgebiete sieht es noch schlimmer aus: Hatte etwa eine Futterwiese vor 100 Jahren noch 40 bis 50 Pflanzenarten pro Quadratmeter, so sind es heute 8 bis 12, also noch rund ein Fünftel. Ist eine Art erst ausgestorben - wenn auch nur regional - ist dies meist ein Verlust für immer. Durch Natura 2000 soll ein Netz von Schutzgebieten entstehen, die hinreichend große Flächen aufweisen und räumlich miteinander verknüpft sind. Das ist vielleicht die einzige Chance für das langfristige Uberleben vie1er Tier- und Pflanzenarten.
Welche Konsequenzen hat Natura 2000?
Für den Einzelnen ändert sich nichts durch die Ausweisung. Niemand muss fürchten, dass er mit strengen Auflagen konfrontiert wird, wenn er ein Natura-2000-Gebiet betritt oder ein Grundstück in einem solchen besitzt. Im Alltag ist vom Schutzstatus nicht viel zu bemerken - es wird nicht einmal mit Schildern auf diese Schutzgebiete hingewiesen. Natura 2000 kümmert sich ausdrücklich nur um erhebliche Eingriffe. Ein solcher liegt vor, wenn die Lebensstätte schutzbedürftiger Arten.in maßgeblichem Umfang oder dauerhaft gestört wird. Überbauungen (Industriegebiete, Straßen oder Bahntrassen) und Zerschneidungen durch den Bau von Straßen können solche erheblichen Eingriffe sein. Dagegen stellen ordnungsgemäße landwirtschaftliche Bodennutzung, naturnahe Waldwirtschaft oder Freizeitaktivitäten im Allgemeinen keine erheblichen Beeinträchtigungen dar.
Buchenwald
Typisch für den Schurwald sind ausgeprägte Buchenwälder mit verschiedenen Pflanzengesellschaften und Altersstufen. Dazwischen befinden sich Schlucht- und Hangmischwälder, in denen verschiedenste Tiere und Pflanzen heimisch sind.
Bild: privat
Was hat das mit dem Schurwald zu tun?
Wie in der Zeitung am 22. Mai dargestellt, werden vor allem Waldflächen auf dem Schurwald als weitere Natura-2000-Gebiete ausgewiesen. Entsprechend befindet sich dort ein Großteil der Schorndorfer Schutzflächen ("fast 32 Prozent der Gesamtgemarkungsfläche"). Mit gutem Grund: Dort gibt es zahlreiche naturschutzwichtige Schlucht- und Hangmischwälder sowie Buchenwälder. Da insbesondere bei Buchenwäldern bislang viel zu wenig Flächen an die EU gemeldet wurden, war es erforderlich, weite Teile des Schurwalds nachzumelden. Im Schurwald kommen 14 schutzrelevante Lebensraumtypen und fünf europaweit zu schützende Tier- und Pflanzenarten vor. Wer bei einem Spaziergang durch den Schurwald dessen Schönheit genießt - besonders zu dieser Jahreszeit - sollte daran denken: Er bewegt sichin einer Landschaft, die für unsere "kontinentale Region" genauso kennzeichnend ist wie das Wattenmeer für die Nordseeküste oder die Extremadura für die Mittelmeer-Region. Schorndorf kann stolz darauf sein, solch wertvolle Naturschätze zu besitzen und sollte alles dafür unternehmen, diese zu erhalten.
Was heißt das für Haubersbronn?
Der Sporn, den die Umgehungsstraße durchschneiden würde, wurde bei der Meldung von Streuobstwiesen für Natura 2000 ausgeklammert.
OB Kühler möchte nun nachweisen, dass dies wegen Störfaktoren wie Hochspannungs-Leitung und Schießanlage zurecht geschah. Nach Artikel 4 der Vogelschutzrichtlinie ist aber ein Gebiet, in dem geschützte Vogelarten vorkommen, auch dann zu melden, wenn es vermeintlich beeinträchtigt ist. Deshalb misst der NABU dem vom OB gewählten Vorgehen nur geringe Erfolgsaussichten bei.
Schließlich leben dort erwiesenermaßen mehrere geschützte Vogelarten. Es gibt keinen ornithologisch belegbaren Grund, weshalb der Sporn weniger schutzwürdig sein soll als seine bereits geschützte Umgebung.
Um weitere unnötige Verzögerungen zu vermeiden, empfiehlt der NABU, den zweiten Weg zu beschreiten, den die Kommissionsvertreter OB Kübler in Brüssel vorgeschlagen hätten: das umstrittene Gebiet als Vogelschutzgebiet ausweisen und eine Ausnahmeregelung zu prüfen. Dies entspräche in etwa dem, was der NABU seit zwei Jahren vergeblich fordert.. "Hätte man früh auf diese Forderung reagiert, so wäre die Sache inzwischen wohl bereits erledigt. Bei Vorliegen der Ausnahmegenehmigung und angemessenem Ausgleich hätte mit dem Straßenbau schon begonnen werden können.'
Ohne die Ausgleichsflächen, die der NABU als angemessen erachtet und gefordert hat, werde es sowieso nicht gehen: Sie sind auch nach dem Baden-Württembergischen Naturschutzgesetz erforderlich.
Demnach ist der Eingriff in den rund 17 bis 18 Hektar zerstörten oder stark beeinträchtigten Streuobstwiesen erst dann zulässig, wenn er in entsprechendem Umfang und in angemessener Frist ausgeglichen wird.
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