Schorndorfer Nachrichten
vom 16. April 2004

Baubeginn vorrangig, Ausgleich zweitrangig

Bürgerinitiative "Pro Ortsumgehung Haubersbronn" hält die Forderungen des NABU für "restlos überzogen"

Viel oder wenig in der Gesamtbetrachtung? An dem mit Stern gekennzeichneten "Sporn" hängt der NABU seine Beschwerde auf.
Von unserem Redaktionsmitglied Hans Pöschko
Schorndorf-Haubersbronn.
Ob, von wem und in welchem Umfang den Forderungen des Naturschutzbundes nach weiteren Ausgleichsmaßnahmen für ein von der Ortsumfahrung Haubersbronn tangiertes Vogelschutzgebiet nachgegeben wird oder auch nicht, das ist für die Bürgerinitiative "Pro Ortsumgehung Haubersbronn" zweitrangig. Vorrangig ist, dass wie geplant noch in diesem Jahr mit dem Bau der Straße begonnen wird, weil sonst die Gefahr besteht, dass die Haubersbronn zugesagten Finanzmittel woanders eingesetzt werden.
Für den Vorsitzenden der Initiative, Wilhelm Heinle, und seine Mitstreiter ist klar, dass die ultimative Position des NABU, der 18 Hektar Ausgleichsfläche als "Schmerzgrenze" markiert hat, "restlos überzogen" ist. Genauso wie die an Brüssel gerichtete Beschwerde, für die es zum jetzigen Zeitpunkt gar keinen Grund gegeben habe, weil die Verhandlungen zwischen NABU einerseits und der Stadt Schorndorf beziehungsweise dem Land Baden-Württemberg andererseits noch gelaufen seien. Von einer Beschwerde "wie aus heiterem Himmel" spricht Erich Bühler auch insofern, als sich die Vogelschützer im förmlichen Bebauungsplanverfahren bei ihrer Stellungnahme auf einen "Standardtext" beschränkt und keinerlei Hinweise auf die jetzt im Raum stehende "willkürliche" Forderung gegeben hätten. Deshalb könnten auch Planungsamtsleiter Manfred Baier keine Versäumnisse vorgeworfen, sondern müsse vielmehr die Frage gestellt werden, "ob der NABU mit offenen Karten gespielt hat".

Der schützenswerte Zustand ist allein den Haubersbronnern zu verdanken

Ganz davon abgesehen, dass der jetzt vom NABU als schwerer Verlust beklagte "Sporn" im Einzugsbereich der Trasse vom Land - "aus politischen, nicht aus sachlichen Gründen", wenden die Vogelschützer ein - vom Land herausgenommen worden sei, stünden, so Wilhelm Heinle, die Forderungen des NAIBU nicht nur von den Zahlen her in keinem Verhältnis zu dem, was an Naturräumen rund um Haubersbronn da sei, was erhalten bleibe und was - in Form von bereits beschlossenen Ausgleichsmaßnahmen - an hochwertigen Lebensräumen für Vögel und Amphibien neu geschaffen werde. Von insgesamt 320 Hektar vollkommen gleichwertiger Fläche, argumentiert die BI, würden nur maximal 1,8 Hektar von der Straße durchschinitten, der prozentuale Eingriff mache gerade mal 0,5 Prozent der Vogelschutz-relevanten Flächen aus. Nicht zu vergessen, dass es nicht der NABU, sondern vielmehr die Haubersbronner selber gewesen seien, die all die Baumwiesen auf der Gemarkung in einen schützenswerten Zustand gebracht hätten. Es sei also falsch, nur die betroffene Fläche zu sehen. Eine treffende Bewertung könne nur unter Berücksichtigung der ganzen Markung gesehen werden, und eigentlich sei auch das noch eine zu enge Betrachtungsweise. Wie ja auch die Diskussion über mögliche Ausgleichsflächen zeige.
Da ist etwa Erich Bühler durchaus der Meinung, dass die Suche nicht nur die ganze Schorndorfer Markung einschließen darf (was ja schon geschieht), sondern dass auch die Nachbarkommunen ihren Beitrag leisten könnten, die den Haubersbronnern ja schließlich auch ihren Verkehr zumuteten. Eigentlich sei's sogar ein landesweites Problem, weil's natürlich zutreffend sei, dass das Land seine Verpflichtungen, was die Ausweisung von Vogelschutgebieten angehe, bislang nur unzureichend nachgekommen sei. Erich Bühler kommt's so vor, als sei Haubersbronn durch die Beschwerde si des NABU "in einen Bezug Land-Brüssel reingekommen, der mit Haubersbronn gar nichts zutun hat".

Kein Baubeginn, solange Beschwerde des NABU in Brüssel anhängig ist

Noch aber weiß die Bürgerinitiative das Land hinter sich. Andererseits: Solange die Beschwerde in Brüssel anhängig ist, wird es aus Angst vor einer einstweiligen Verfügung keinen Baubeginn geben. Deshalb begrüßen's die Haubersbronner, dass Land und Stadt in Kürze gemeinsam in Brüssel vorstellig werden und auf eine Entscheidung drängen wollen. Am liebsten in der Form, dass die Angelegenheit - notfalls auch über den Umweg Berlin, wo die Ortsdurchfahrt Haubersbronn laut Erich Bühler dem persönlichen Referenten des Verkehrsministers als Schleichweg zwischen A 8 und A 7 ebenfalls schon ein Begriff ist - ans Land zurückverweist. Wenn's allerdings zu einem Formverfahren in Brüssel käme, dann wäre die Ortsumfahrung für die nächsten Jahre gestorben. Dagegen, so kündigte Wilhelm Heinle ("Wir haben schon die Musik für den ersten Spatenstich bestellt"), werden sie sich mit allen Kräften wehren.
Schon jetzt sind aus der BI ("Wir arbeiten mehr im Stillen, aber jetzt ist es an der Zeit, Position zu beziehen") deutlich Worte zu hören. "Ich mechd mol mit dem Sombrutzki an Wohnungstausch macha", schimpft einer, der zu denen gehört, die als Anlieger "jeden Tag den Dreck fressen", den die 28 000 Fahrzeuge in der Ortsdurchfahrt produzieren. Vom nicht mehr vorhandenen Wohnwert in vom Schwerlastverkehr erschütterten und in ihrer Substanz angegriffenen Häusern nicht zu reden. Wenn es sich nicht bald lohne, die zu sanieren, entstehe Wohnbedarf in der freien Landschaft, geben die Vertreter der BI zu bedenken. Und das könne nicht im Sinne der Natur- und Vogelschützer sein, deren Kompromisslosigkeit es den Haubersbronnern schwer macht, den Beteuerungen zu glauben, dass es nicht um die Verhinderung der Straße insgesamt gehe und dass dem Vogelschutz keineswegs ein höherer Stellenwert als dem Menschenschutz eingeräumt werde.
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