Schorndorfer Nachrichten
vom 3. April 2004

Vogelschutz und Menschenschutz sind keine Gegensätze

Ortsumfahrung Haubersbronn: Überraschend kam die EU-Beschwerde des NABU wegen fehlender Ausgleichsmaßnahmen keineswegs

Streuobstwiesen und ihre gefiederten Bewohner
Sie alle haben zumindest während ein paar Monaten im Jahr in den von einer künftigen Ortsumfahrung tangierten und beeinträchtigten Streuobstwiesen ihren Lebensraum. Neuntöter (rechts oben), Wendehals (rechts unten), Grauspecht (Mitte), Mittelsprecht (links unten) und Halsbandschnäpper (links oben)
Bilder: Pavlovic (Landschaft)/NABU (Vögel)
Von unserem Redaktionsmitglied Hans Pöschko
Schorndorf-Haubersbronn.
Gerade weil es dem Naturschutzbund (NABU) nicht nur um den Schutz der Vögel, sondern auch um den Schutz der unter dem Verkehr in der Haubersbronner Ortsdurchfahrt leidenden Menschen geht, ist frühzeitig darauf hingewiesen und gedrängt worden, dass der durch die Ortsumfahrung verursachte Eingriff in ein Vogelschutzgebiet in ausreichendem Maße durch die Ausweisung von Ausgleichsflächen kompensiert wird. Darauf legen NABU-Vorsitzender Arnold Sombrutzki und Pressesprecher Manfred Stephan Wert.
Vogelschutz und Menschenschutz sind keine Gegensätze", reagiert Manfred Stephan auf den Tenor diverser Leserbriefe, in denen dem NABU, der Beschwerde bei der EU eingereicht hat, vorgeworfen worden ist, das Interesse von ein paar Vögeln höher zu bewerten als das von Hunderten von Menschen. "Natura 2000 ist keine Erfindung des NABU", verwahrt sich auch Arnold Sombrutzki gegen die Unterstellung, die Natur- und Vogelschützer hätten hier leichtfertig das schwere Geschütz der Beschwerde aufgefahren, um sozusagen mit Kanonen auf Halsbandschnäpper, Neuntöter, Wendehals, Grau- und Mittelspecht zu schießen. Es gehe hier um nicht mehr und nicht weniger als um die Einhaltung geltenden Rechts, sagt Arnold Sombrutzki, der alles andere als ein verbohrter Eiferer für die Belange der Natur, für die er sich seit seinem zwölften Lebensjahr einsetzt, ist, sondern der seine Position angenehm verhalten und gerade deshalb glaubwürdig und überzeugend vertritt. Überzeugend und überzeugt. Denn soviel steht für den Schorndorfer NABU-Vorsitzenden, der gerade vom Südwestrundfunk als beispielhafter Ehrenamtler porträtiert worden ist und der auf diese EU-Beschwerde alles andere als "geil" war, fest: Die Erfolgsaussichten der Beschwerde liegen, die bisherige Rechtsprechung zu Natura 2OO0 als Maßstab genommen, "bei 90 bis 95 Prozent".
Es hätte gar nicht so weit kommen müssen, betonen Sombrutzki und Manfred Stephan, denen an der derzeitigen Diskussion nicht gefällt, dass vor allem seitens der Stadtverwaltung, die an Stelle des Landes als Planungsträger fungiert hat, jetzt der Eindruck erweckt wird, als käme die als "Angriff auf die Planung" titulierte Beschwerde "überraschend". Tatsächlich hat der NABU bereits im November 2001 auf die fehlende beziehungsweise nicht ausreichende Kompensation für die von der Ortsumfahrung tangierten oder beeinträchtigten und als Vogelschutzgebiet nach EU-Vogelschutzrichtlinie und nach Natura 2000-Bestimmungen ausgewiesenen Streuobstwiesen hingewiesen und ein Jahr später auch erstmals die Möglichkeit einer Beschwerde bei der Europäischen Kommission angedeutet. Ausdrücklich versehen mit der Anmerkung, dass eine Beschwerde nicht das Ziel des NABU sei und dass gerade auch im Interesse der unter dem Straßenverkehr leidenden Haubersbronner Bürger eine andere Lösung gefunden werden müsse.
Ungeachtet dessen, dass diese gleich lautende Stellungnahme im Laufe der Zeit immer dringlicher und das Risiko einer Beschwerde an die EU im größer geworden ist, hat sich über das Angebot hinaus, die direkt von der Bebauung betroffenen etwa fünf Hektar auszugleichen, nichts getan. Und als es dabei trotz anders lautender Absichtserklärungen seitens der Stadt auch zwischen November 2003 und Ende Februar 2004 geblieben ist, hat sich der NABU-Landesverband - zunächst und bislang noch formlos und nicht formell - an die EU-Kommission gewandt mit der Bitte um Überprüfung, ob die Schorndorf er Vorgehensweise bei der Umfahrungsplanung mit dem EU-Recht übereinstimmt.
Etwa 18 Hektar sind's, die nach den Vorstellungen des NABU ausgeglichen werden müssen. Wobei schon das, betont Arnold Sombrutzki, nur en 1:1-Ausgleich sei, wohingegen streng genommen ein Flachenmultiplikator 2 durchaus vertretbar und angemessen wäre weil fünf Hektar alter Baumbestand nicht mit fünf Hektar neuem Baumbestand gleichzusetzen seien. Und insofern seien 18 Hektar für den Naturschutzbund auch die "Schmerzgrenze". Wohl wissend, so Sombrutzki, dass 18 Hektar in einem dicht besiedelten Raum wie dem hiesigen "keine kleine Dimension" seien. Bisher treffen sich NABUund Stadt etwa in der Mitt, nachdem von der Stadt etwa drei Hektar allerdings öko-landwirtschaftlich nutzte Allmendgrundstücke als weitere Kompensationsflächen angeboten worden sind. Oberbürgermeister Kühler wertet diese Annäherung Hoffnungsschimmer und auch Manfred Stephan nimmt wahr, dass die Stadt "sehr viel guten Willen" und sich sehr daran interessiert zeigt, die Realisierung der Ortsumfahrung zu ermöglichen. Was nichts daran ändert, dass ihr der NABU nur minimale quantitative Spielräume - "Pfennigfuchsen tun wir nicht", sagt Arnold Sombrutzki - zugesteht. Und obwohl's eigentlich nicht seine Aufgabe ist, hat der NABU weitere Vorschläge gemacht, wie und wo der noch fehlende Ausgleich für Die bedrohten Vogelschutzräume, die Bestandteil eines sich in sieben Teilbereiche gliedernden und von Geradstetten bis Waldhausen reichenden Schutzgebietes hergestellt werden könnte. Dieses Schutzgebiet, so Sombrutzki, ist Lebensraum für 150 bis 200 Brutpaare des Halsbandschnäppers, womit immerhin drei Prozent der bundesdeutschen Bestandes hier ihren Lebensraum hätten.
Als weitere Kompensationsmöglichkeiten hat der NABU die Vernetzung des Streuobstgiirtels zwischen den Gebieten Hof/Steinmäurich und Beuters (südlich von Schorndorf beziehungsweise Weiler), eine Vogelschutz-Aufwertung im südwestlichen Schornbachtal und eine Erweiterung der Ausgleichsfläche im Gewann Linsenberg vorgeschlagen. Erste Reaktion der Stadtverwaltung vor einem Gesprächstermin in der kommenden Woche: "Diese sehr weit gehenden Forderungen wird die Stadt wohl nicht alle erfüllen können." Aber: "Noch gibt es Hoffnung", heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt auch. Und auch Manfred Stephan hätte nichts dagegen, wenn eine einvernehmliche Lösung gefunden wäre, bevor die formlose Beschwerde in eine formelle umgewandelt werden muss. Eines freilich, darauf legt der mit seinem Vorgehen im Übrigen nicht nur auf Kritik, sondern durchaus auch auf Verständnis stoßende Arnold Sombrutzki Wert, darf nicht passieren: Die Ortsumfahrung Haubersbronn darf kein Präzedenzfall dafür werden, dass Vogelschutzgebiete so einfach "angeknabbert" werden können.
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