Gemeindeblatt Urbach
vom 29. Januar 2004

Die Linsenberghochfläche und der Linsenberg - eine Kulturlandschaft und ihre Vogelwelt

Von Jörg Daiss
Steht man auf der Linsenberghochfläche zwischen Urbach und Haubersbronn fällt der Blick zumeist auf den Erdrutsch im Kirchsteig. Mag dieser auch Urbachs geografischer Höhepunkt sein, so ist er dennoch nicht die einzige Besonderheit: denn eben diese Fläche, auf der wir diesen schönen Ausblick (natürlich nicht nur auf den Erdrutsch) haben, ist im Remstal ebenso einmalig. Fast nirgends ist das Remstal so breit wie hier, noch dazu weitgehend nicht von Siedlung und Industrie zersetzt, so wenig von Straßen durchschnitten wie hier. Die Linsenberghochfläche profitiert als Lebensraum vieler Pflanzen- und Tierarten zudem auch davon, dass sie nicht eine Insel im ansonsten weitgehend zugebauten Remstal ist, sondern durch weitere wertvolle Gebiete gesäumt wird: in nördlicher und östlicher Richtung schließen die Streuobstwiesen des Rehberges in Haubersbronn sowie das Gutenauer Tal mit den angrenzenden Hängen des Zwerenbergs und Kirchsteigs an; westlich liegen die ausgedehnten Streuobstwiesen des Linsenberges. Und schließlich findet der Linsenberg, wenn auch getrennt durch die B29, seinen Auslauf in den großen Wiesenflächen der Remsaue sowie den Naturschutzgebieten Morgensand und Seelachen.
Als weiterer Glücksfall für den Artenreichtum auf der Linsenberghochfläche sowie des Linsenbergs kommt die Bewirtschaftung hinzu. Traditionell herausgebildet haben wir es hier mit einer für die süddeutsche Landschaft typischen, klein- und kleinstparzellierten Struktur zu tun. Mähwiesen, Streuwiesen, Ackerflächen wechseln sich ab mit Feldgärten, Streuobstwiesen, Hecken, Weiden, Strauch- und Baumgesellschaften und bilden so eine unvergleichliche Kulturlandschaft. Sehr hoch ist auf der Linsenberghochfläche der Anteil der extensiven Mähwiesen, d.h. Wiesen, die nur zwei bis max. dreimal im Jahr gemäht werden und somit sehr artenreich sind. Als Beispiel seien hier die prächtigen Bestände des Wiesensalbei genannt, der bedingt durch die trockenen Böden der Hochfläche hier jedes Jahr auf mehreren Wiesen tausendfach blüht. Für meist wenige Tage im Mai ist dann die Feldflur in einen gelben Teppich, bestehend aus Löwenzahnblüten und Hahnenfuss verwandelt, der seinen Urspruch allerdings mehr dem relativ hohen Stickstoffeintrag auf den Wiesenflächen verdankt. Zahlreich blühen bis in den September viele weitere Pflanzen wie z.B. Skabiose, Wiesenschaumkraut, Habichtskraut, Ampfer, Klee und verschiedene Gräser, an denen verschiedene Schmetterlingsarten zu finden sind: so waren im heißen Sommer diesen Jahres der Schwalbenschwanz wie auch verschiedene Bläulinge, Pfauenauge und Distelfalter regelmässig anzutreffen; in den Streuobstwiesen des Linsenbergs war der Schachbrettfalter in großer Anzahl zu sehen. Die Getreideanbauflächen sind verhältnissmässig gering; auch der Maisanbau findet nur in geringem Umfang statt.
Die Linsenberghochfläche ist ein wichtiges Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiet für viele Vogelarten, die ohne die oben beschriebene Charakteristik hier nicht zu sehen wären. Auch im Jahr 2003 brüteten hier wieder zahlreiche Vogelarten. Desweiteren waren als Durchzügler und Gäste einige bemerkenswerte Arten zu sehen, die eine Erwähnung wert sind.
Im Januar waren zwei Saatgänse aus der fernen Tundra einen Tag zu Gast. Diese Gänseart wird nur sehr selten in Baden-Württemberg beobachtet; ihr Überwinterungsgebiet liegt gewöhnlich eher in Nord- und Mitteldeutschland. Zahlreich waren auch wieder überwinternde Mäusebussarde in allen Tönungen zwischen fast weiß und fast schwarz, während die hier auch im Sommer lebenden zumindest dieses Jahr recht unauffällige Exemplare waren. Der Rotmilan ist regelmäßig ab März bis September zu beobachten (meist in den Nachmittagsstunden). Sein nächster Verwandter, der Schwarzmilan, wurde einmal im Juli gesehen. Imposant war eine Kornweihe, die Anfang März elegant über die Feldflur schaukelte. Der scheue Sperber ist mit etwas Glück zu beobachten, meist sieht man ihn unverhofft irgendwo, wo man ihn gerade nicht erwartet. Zuverlässig wie seit Jahren brüteten auch dieses Jahr wieder Turmfalke und Schleiereule erfolgreich im Linsenberg. Eine Bekassine suchte mit ihrem langen Schnabel im Oktober in einem Graben nach Nahrung - dieser ehemals verbreitete Sumpfvogel ist seit Jahrzehnten nur noch als seltener Durchzügler bei uns zu sehen. Drastisch gesunken ist die Anzahl der Feldlerche auf nur noch 1 Paar im Jahr 2003. Diesem Charaktervogel der Linsenberghochfläche droht damit wohl das gleiche Schicksal wie dem Rebhuhn, das seit Anfang der 1990er Jahre von hier verschwunden ist! Obwohl im Frühjahr Trupps zwischen 5 und bis zu 40 Vögel zu sehen sind, sind zur Brutzeit immer weniger Vögel da (vor fünf Jahren waren immerhin noch 5 - 6 singende Männchen zu hören. Die Feldlerchenvorkommen auf der Linsenberghochfläche sind übrigens die letzten im Raum Schorndorf!
Täglich anzutreffen auf ihren Jagdflügen nach Insekten über den Wiesenflächen sind die Mehl- und die Rauschwalbe, wenngleich letztere als Brutvogel in Urbach nicht mehr allzuhäufig zu finden ist (sie brütet meist in Stallungen und hat somit nur noch wenige Brutplätze in Urbach zur Auswahl). Ein weiterer typischer Wintergast aus Nordeuropa auf dem Linsenberg ist der Wiesenpieper, der hier oft in Trupps bis zu 30 Vögeln gesehen werden kann. Die Bachstelze ist häufig vor allem im Bereich von Feldscheuern anzutreffen, die Schafstelze ließ sich nur im Herbst auf dem Durchzug sehen. Das gleiche gilt für das Braunkehlchen, das auch dieses Jahr wie immer im Mai und dann wieder im August/September zu sehen war. Drei Steinschmätzer rasteten im September auf der Hochfläche auf dem Weg ins afrikanische Überwinterungsgebiet. Die feuchten und kühlen Sommer der letzten Jahre und somit den Bruterfolg wenig fördernden Umstände führten wohl dazu, das in diesem Jahr erstmals seit langem kein Neuntöterrevier besetzt war. Lediglich als Durchzügler wurden im Spätsommer dann dieser schmucke Insektenjäger beobachtet. Als Sensation darf wohl der Frühjahrsaufenthalt eines Raubwürgers gewertet werden: gleich drei Wochen im Februar war er wenig scheu unweit des Ortsrandes bei der Insekten- und Mäusejagd zu beobachten. Es ist dies der erste Nachweis dieser bis in den 1960er Jahre im Linsenberg brütenden Vogelart seit 1996 für den Rems-Murr-Kreis! Der Feldsperling ist dank Nistkästen an den Obstbäumen auf dem Linsenberg mit mehreren Brutpaaren bodenständig und auch dieses Jahr wieder - entgegen dem allgemeinen Trend - verhältnismässig zahlreich. Auch die Goldammer ist fast überall im Linsenberg anzutreffen; gerade jetzt im Winter auch durchaus in größeren Schwärmen.
Die Brutvögel im Streuobstgebiet Linsenberg profitierten in diesem Jahr im allgemeinen von der trockenen, warmen Witterung. Von den heimischen Spechtarten sind hier regelmässig Grauspecht, Grünspecht, Buntspecht und der Kleinspecht zu sehen; als Brutvogel in diesem Jahr allerdings nur Bunt- und Grünspecht. Der Wendehals ist als Brutvogel wohl auch aus dem Linsenberg verschwunden, jedoch waren im Frühjahr zumindest zwei Männchen noch rufend zu hören. Stark abhängig vom Angebot an Insektennahrung sind die Nistkastenbewohner im Linsenberg. Neben Kohlmeise und Blaumeise brüteten in den rund 130 Nistkästen im Linsenberg erfolgreich 4 Paare Gartenrotschwänze. Dieser scheue Verwandte des anhänglichen, aus Haus und Garten bekannten Hausrotschwanzes ist wohl einer der schönsten Vögel des Linsenbergs und ab Mitte April häufig orange leuchtend in den Spitzen blühender Obstbäumen zu sehen, wenn er seinen Gesang vorträgt.
Nicht nur Vogelkundlern bekannt ist in Urbach der Halsbandschnäpper. Dieser ebenfalls im Linsenberg in Nistkästen brütende Vogel war im Jahr 2003 mit 3 erfolgreichen Brutpaaren vertreten. Vom Trauerschnäpper konnte ein brütendes Paar festgestellt werden, vom Grauschnäpper vermutlich ein Paar. Die Gartengrasmücke setzte ihren Abwärtstrend auch in diesem Jahr fort; lediglich noch 2 singende Männchen konnten gehört werden. Der Sumpfrohrsänger erschloß sich in verwilderten Strukturen weitere Bruthabitate und ist mit seinem vielseitigen Gesang immer öfter zu hören. Seinen Namen hat er vom charakteristischen Gesang: Der Zilpzalp, ein Zugvogel der in Afrika überwintert, war auch in diesem Jahr wieder allerorten zu hören und ist ein häufiger Brutvogel sowohl im Linsenberg als auch auf der Hochfläche. Sein nächster Verwandter, der seltenere Fitis, war nur im Frühjahr einige Male zu hören und konnte sich wohl nicht zu einer Brut entscheiden.
Gerne aufgesucht werden des Fallobstes wegen im Winter die Streuobstwiesen gerne von Wacholderdrosseln. Seltener lässt sich in diesen Schwärmen auch die ein oder andere Rotdrossel finden; so z.B. eine im Februar des Jahres. Ebenfalls das Nahrungsangebot des Linsenberg nutzende Überwinterer sind Finkenvögel wie z.B. Buchfinken, Bergfinken, Grünfinken, Dompfaffen und Erlenzeisige.
Viele weitere hier nicht genannten Vögel sind Brutvögel des Linsenbergs. Insgesamt konnten 2003 auf der Linsenberghochfläche und in den Streuobstwiesen des Linsenbergs 64 Vogelarten beobachtet werden. Geografische Lage, Boden, Klima und Nutzungsform haben hier im Laufe der Jahrhunderte eine einzigartige und letzte große zusammenhängende Kulturlandschaft des Remstals geschaffen. Werden wir uns beim nächsten Spaziergang hier darüber bewußt!
Raubwürger
Bild: Der Raubwürger ist ein sehr seltener Wintergast im Rems-Murr-Kreis.
Foto: Wolfgang Schnabel


zum Seitenanfang Drucken