Schorndorfer Nachrichten
vom 30. September 2003

Kolibris im Remstal? Nee, Schwärmer!

Den Naturschutzbund Schorndorf erreichen täglich viele Anfragen von Gartenbesitzern

Taubenschwänzchen
Das Taubenschwänzchen erinnert an einen Kolibri.
Es ist aber ein Schwärmer.
Bild: Poloczek
Beinahe täglich erreichen den NABU Schorndorf und Umgebung derzeit telefonische Anfragen oder Fragen per Email, deren Inhalt von "Neue Tierart entdeckt?" bis "Ich habe Kolibris im Garten!" reicht. Was sind das für Tiere, die in diesem Jahr die Gemüter vieler Gartenbesitzer und Naturbeobachter erhitzen? Sie stehen im Schwirrflug vor Blüten und nehmen daraus Nektar auf - wie man das von Kolibris kennt. Es sind aber keine Kolibris; vielmehr handelt es sich hier um eine Schmetterlingsart, genauer gesagt um einen Schwärmer: das sogenannte Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum). Mit den kleinen amerikanischen Vögeln haben sie nichts gemein.
Die Schwärmer bilden eine Nachtfalterfamilie mit ausgesprochen flugtüchtigen Arten, die Fluggeschwindigkeiten von über 70 km/h erreichen können. Die Falter werden besonders im August und September bemerkt, wenn sie in Hausgärten tagsüber und bis in die Dämmerung hinein verschiedenste Blüten besuchen. Dabei stehen sie im Schwirrflug vor einer Blüte und wechseln im nächsten Moment sprunghaft auf die nächste. Sie bevorzugen blaue und violette Blüten, gefolgt von weiß und gelb. Das Taubenschwänzchen gehört auch zu den Wanderfaltern, die alljährlich aus Nordafrika und Südeuropa zu uns kommen. Normalerweise können sie in Mitteleuropa nicht überwintern. Nur selten sind die Falter so häufig zu beobachten wie in diesem Jahr. In fast jedem Garten sind täglich mehrere Taubenschwänzchen anzutreffen. Eine solche Individuendichte ist bemerkenswert. Ähnlich Verhältnisse gab es in den heißen Jahren 1928, 1934, 1935, 1952 und 1993-1994. Auch in diesen Jahren hatte ein außergewöhnlich warmer Sommer die Falter nordwärts getrieben.
Die ersten Taubenschwänzchen wandern normalerweise im Juni bei uns ein und vermischen sich mit den wenigen Faltern, die den mitteleuropäischen Winter erfolgreich überstanden haben. Die Raupen findet man nur selten. Sie leben meist am Echten und am Wiesen-Labkraut. Wie alle Schwärmerraupen besitzen auch sie eine Art Stachel am Hinterende, das sogenannte Analhorn, das übrigens völlig ungefährlich ist.
Von dem heißen Sommer 2003 hat nicht nur das Taubenschwänzchen profitiert. Auch andere Wanderfalter waren in diesem Jahr wesentlich häufiger als sonst. Distelfalter-Raupen fand der NABU Schorndorf und Umgebung im Juni nahezu an jeder Ackerkratzdistel zwischen Unter- und Oberberken - die bei uns aufgewachsenen Distelfalter sind jedoch schon wieder nach Süden abgewandert. Auch der Wandergelbling war in diesem Jahr gut vertreten, obwohl er normalerweise im Raum Schorndorf nur höchst selten beobachtet werden kann. Im September hat der NABU auf einer Wiese bei Urbach 20 Exemplare des Wandergelblings gleichzeitig beobachtet und bei Oberberken regelmäßig einzelne Tiere angetroffen. Wandergelblinge und Taubenschwänzchen können bis in den November hinein beobachtet werden; sie fliegen auch an Tagen mit relativ niedrigen Temperaturen. Taubenschwänzchen wurden schon bei unter 6 Grad bei der Nektaraufnahme beobachtet. Michael Rommel und Arnold Sombrutzki vom NABU Schorndorf und Umgebung empfehlen allen Interessierten, Ausschau zu halten. Die Chancen stehen recht gut, diese Tiere im Garten beobachten zu können.
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