Schorndorfer Nachrichten
Mittwoch, 23. April 2003
Überprüfung der Natura 2000-Gebiete
Michael Rommel vom Nabu beobachtet, ob die Kommunen die Richtlinien für Natura-Gebiete (hier bei Winterbach) einhalten.
Foto: Schneider

Nabu: Chance für die Natur besser nutzen

Schorndorfer Naturschützer setzen sich im Remstal für den Ausbau des EU-Schutzgebietsnetzes "Natura 2000" ein


Von unserer Mitarbeiterin Stefanie Kuhnle
Schorndorf.
Die Landschaft ist reizvoll, so viel ist klar. Nichts macht Spaziergänger aber auf das Besondere des Gebiets aufmerksam. Auch wenn Hinweis- und Verbotsschilder fehlen: Die Streuobstwiesen und Weinberge an den Hängen des Remstals und Teile des Schurwalds stehen trotzdem unter speziellem Schutz. Sie gehören dem Naturschutznetz der Europäischen Union "Natura 2OOO' an.
Deutschland sieht sich gern als Erfinder des Umweltschutzes, doch in diesem Fall hinkt das vermeintliche Vorreiterland hinterher. Und das Musterländle Baden-Württemberg nimmt unter den Bundesländern gerade mal einen Mittelplatz ein. Bei der Ausweisung von Natura-2000-Gebieten besteht Nachholbedarf. Das sieht auch der "Nabu Schorndorf und Umgebung" so. In seinem Jubiläumsjahr zum 100-jährigen Bestehen setzt sich der Naturschutzverein verstärkt für dieses weitgehend unbekannte System zur Erhaltung des landschaftlichen Status Quo ein. "Wir sehen in dem Programm eine große Chance für die Natur", sagt Nabu-Experte Michael Rommel.
Anfang des Jahres hat der Schorndorfer Ortsverband 30 schützenswerte Lebensraumtypen sowie Tier- und Pflanzenarten innerhalb seines Aktionsradius für das Programm nachgemeldet. Dazu gehören beispielsweise die extensiven Flachland-Mähwiesen bei Urbach. Wie für alle anderen Natura-Gebiete soll auch hier gelten: Es dürfen keinerlei Veränderungen, die diesen Lebensraum gefährden könnten, durchgeführt werden.
Die Vogelschutzgebiete wurden automatisch dem Natura-2 000-Programm einverleibt, so auch das zwischen Geradstetten und Waldhausen, das sich auf 1629 Hektar Fläche erstreckt. Es war seinerzeit auf Initiative des damaligen "Bundes für Vogelschutz" zustande gekommen. Grauspecht, Halsbandschnäpper, Mittelspecht, Neuntöter, Wasserralle, Zwergtaucher und Wendehals sind hier gemeldet. Die Vögel finden in den Streuobstwiesen, die die Kulturlandschaft des Remstals prägen, ideale Bedingungen vor. "Ich bin überzeugt, dass die Streuobstwiesen die beste Umgebung für die Vögel sind. Insofern wird über die Arten indirekt auch der Lebensraum geschützt", sagt Rommel. 997 Hektar des Schurwalds sind außerdem als "Fauna-Flora-HabitatFlächen" (FFH) gemeldet, deren schützenswerte Lebensraumtypen, also "Habitate", Schlucht-, Hang- und Auwälder sind.
Politische, wirtschaftliche oder infrastrukturelle Interessen dürfen nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes keine Rolle bei der Gebietsauswahl spielen. Genau das ist nach Meinung der Schorndorfer Naturschützer aber ein Grund für das schleppende Vorankommen. "Bei den Kommunen werden Flächen teilweise nicht gemeldet, weil man davon ausgeht, dass dort über kurz oder lang eine Straße durchführen oder ein Baugebiet ausgewiesen werden soll", glaubt Rommel. 
Für eine Fläche, die dem Naturschutznetz angehört, ändert sich dem äußeren Anschein nach zunächst nichts. Land- und forstwirtschaftliche Tätigkeiten, touristische Nutzungen und kommunale Entwicklungen bleiben weiterhin möglich. Dennoch: Bevor neue Projekte, zum Beispiel Bauvorhaben, verwirklicht werden können, muss geprüft werden, ob sie die Art, für die das Schutzgebiet ausgewiesen ist, gefährden. Aktuelles Beispiel im Remstal: die anstehende Erweiterung des Urbacher Freibads, das innerhalb des Vogelschutzgebietes liegt. "Es ist zu erwarten, dass die Verträglichkeitsstudie diesen Eingriff als erheblich bewerten wird", sagt Rommel. In diesem Fall dürfte das Freibad nicht erweitert werden. Es sei denn, es könnte nachgewiesen werden, dass der Nutzen für das All-gemeinwohl größer ist als der Schaden, der angerichtet wird.
Jeder kann Störungen innerhalb  eines Natura-2000-Gebietes an die EU melden. Die Mitglieder des Nabu haben ein besonders waches Auge darauf. Durch ihre Aktivitäten sind sie dort ohnehin viel unterwegs. Die beiden Naturschutzgebiete "Rehfeldsee" und "Morgensand und Seelachen", die der Nabu Schorndorf pflegt, sind ebenfalls Teil des EU-Netzwerks.

Vielfalt nur durch Biotop-Verbund

Die Europäische Union hatte 1992 die so genannte FFH-Richtlinie erlassen. Diese bildet zusammen mit der Vogelschutzrichtlinie von 1979 die Basis für das Schutzgebietssystem Natura 2000. Die Gebiete sind zum Schutz von bestimmten Tier-, Pflanzenarten und Lebensraumtypen ausgewiesen, die innerhalb der EU gefährdet sind. In Deutschland wurden zunächst alle Naturschutzgebiete als FFH-.Gebiete gemeldet. Dies verfehlte allerdings die Intention eines weite Flächen umspannenden Netzwerks. Grundlage für Natura 2000 ist die Erkenntnis, dass der Schutz einzelner, in der Regel kleiner Gebiete zum Erhalt der biologischen Vielfalt nicht ausreicht, sondern dass dies nur durch die Einbeziehung eines Biotopverbundes gelingen kann. Gerade im Ballungsraum Stuttgart stellt der Flächenverbrauch eine große Gefahr dar. Viele Flächen werden verinselt oder durch Straßen zerschnitten, so dass der Austausch von Erbmaterial zwischen verschiedenen Populationen verhindert wird. Der Nabu Schorndorf sieht die Erhaltung von Flächen daher als seine wichtigste Aufgabe an.


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