Schorndorfer Nachrichten
vom 4. April
2003

Für die Natur im Remstal Reservate geschaffen

100 Jahre Anwaltschaft: zunächst für Nutz-Vögel, dann auch für Greife, später für Hecken und schließlich für die gesamte Natur

Von unserem Redaktionsmitglied
Manfred Pfrommer
Schorndorf.
"Dem Federhandel darf nicht fernerhin erlaubt werden, vernichtend und ausrottend tätig zu sein" - für Damenhüte geschlachtete Vögel haben vor 100 Jahren auch Frauen in Schorndorf empört:
Sie gründeten den Bund für Vogelschutz, die Vorgängerorganisation des Naturschutzbunds (NABU). Der hat nun anlässlich seines 1 00-jährigen Bestehens eine reich bebilderte 64-seitige Festschrift herausgebracht.
Dass das Anliegen Vogelschutz längst auf Natur- und Umweltschutz zu erweitern war und auch nicht mehr ironisch in die Ecke von Weltverbesserern abzudrängen ist, darauf deuten auch die Grußadressen der Politik auf den vorderen Seiten der Festschrift. Hinter dem NABU-Bundesvorsitzenden Jochen Flasbarth erweisen Landrat Johannes Fuchs und die Burgermeister Albrecht Ulrich, Jörg Hetzinger und Andreas Schaffer und OB Winfried Kübler dem NABU Schorndorf die Ehre. Ulrich und Kübler, unlängst mit dem Verein über Kreuz wegen ihren Bauplänen in der Remsaue zwischen Winterbach und Schorndorf, vermeiden scharfe Töne, formulieren Anerkennendes. Ulrich spricht von Interessen, die in verdichteten Zonen sich "hart im Raum stoßen" Dennoch sei es wichtig, "mit dem Naturschutzbund eine Organisation zu haben", die sich um Flächenschutz kümmert und vorhandene Schutzgebiete und Biotope pflegt. Auch Kübler spricht die "widerstreitenden Interessen der Entwicklungspolitik unserer Stadt einerseits und die Forderung nach Bewahrung und Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen andererseits" an, die "in den letzten Jahrzehnten auch zu manchen Spannungen" geführt hätten, aber "einvernehmlich abgebaut werden konnten". Trotz eines "nicht geringen Landschaftsverbrauchs" bilde die "heimatliche Landschaft noch immer das Reservat für eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt". Kübler hofft, bei der "Entwicklung" des Mittelzentrums Schorndorf "mit notwendigen Straßenbauten" "im NABU einen Partner zu finden, der uns hilft, adäquate Lösungen zu erzielen".
Festschrift 100 Jahre NABU Schorndorf und Umgebung
100 Jahre Vogel- und Naturschutz in Schorndorf. Der NABU hat dazu eine 64-seitige Festschrift hreausgebracht, die nicht nur die Geschichte des Naturschutzes darstellt, sondern auch die aktuelle Situation im Remstal kritisch beleuchtet.
 
NABU-Vorsitzender Arnold Sombrutzki schreibt diplomatisch, "der Erhalt der Landschaften ist nur durch Zusammenarbeit mit den örtlichen Verwaltungen zu erreichen". Die sei nicht immer einfach, aber meist konstruktiv. "In den meisten Fällen konnte ein Kompromiss gefunden werden, mit dem beide Seiten leben konnten." Sombrutzki unterstreicht die "außerordentlich gute Zusammenarbeit" mit dem Landratsamt. "Viele unserer Projekte wären ohne die tatkräftige, oft auch finanzielle Unterstützung durch das Landratsamt nicht möglich gewesen."
Offene Kritik am gnadenlosen Zurückdrängen der Natur finden sich in der Schilderung der Vereinsgeschichte und der Entwicklung des Remstals aus der Perspektive der Natur. Die Vereinsgeschichte veranschaulicht auch die oft vergeblichen Kämpfe um eine B 29-Untertunnelung an der Bestandstrasse mit der Folge: "Die Hasen des Südtals sind mit den Hasen des Nordtals nicht mehr verwandt. So geht es allen nicht oder nur schlecht flugfähigen Tierarten" - "Die tägliche Aufwärmung der Asphaltflächen wirkt als Temperaturberg bis weit in die Nacht hinein und zieht genauso wie der unablässige Lichtstrom der Autos die Insekten massenhaft an und führt zum Tod an der Windschutzscheibe. Ähnlich ergeht es vielen Insekten fressenden Tierarten wie Igeln, Spitz-, Fledermäusen, die ihrer Beute ins vermeintliche Schlaraffenland folgen." Vergeblich wurde auch für eine Tunnellösung im Haubersbronner Westen gefochten.
Für einen der Autoren der Festschrift, Gernot Becker, ist "die Gier nach überbaubarer Fläche ungebremst" und auch die Rebflurbereinigungen hätten zu einer massiven Verarmung geführt. Des Hebsackers bitteres Fazit: So bleibt angesichts der den Bereinigungsverfahren tausendfach vernichteten Lebewesen dem Naturschutz immer noch. der Galgenhumor: "Was früher stirbt, ist länger tot." Der Storch hat sich 1949 verabschiedet, Rotkopfwürger, Heidelerche und Braunkehlchen sind gefolgt. Andere Vogelarten "stehen ebenfalls kurz vordem Aus", desgleichen 15 Fischarten, ein Drittel der Blütenpflanzen und rund 40 Prozent der Schmetterlingsarten sind verschwunden.
Die Broschüre bettet das Gründungsjahr auch in Welt-Zusammenhänge ein: Im selben Jahr 1903, in dem 23 Frauen in Schorndorf die Ortsgruppe des Bunds für Vogelschutz gründeten, flogen die Gebrüder Wright in zwölf Sekunden etwa 35 Meter weit. Heute finden an manchen Tagen in Stuttgart 350 Flugbewegungen statt. Ähnliches gilt für die Automobile: 1903 brachte Henry Ford sein "Model A" auf den Markt. Ein Jahr später wurde die erste Kabelnachricht über den Pazifik übermittelt. 1903 wurde der spätere Computererfinder John Louis von Neumann in Budapest geboren, und im selben Jahr ging der Physik-Nobelpreis an Henry Becquerel und Marie und Pierre Curie, die ersten Nuklearforscher.
Erste "Sammlerin" war in Schorndorf im aufstrebenden Vogelschutz-Bund Maria Luise Hönes, die Frau des Winterbacher Pfarrers Theodor Hönes. "Sammler" waren Vertrauensleute, die Beiträge kassierten und Schriften verteilten. 1905 gab es bereits 25 Mitglieder, nach zehn Jahren 102. Im Jahr 1911 kaufte der Deutsche Vogelschutzbund erstmals 74 Morgen Land als Schutzgebiet am Federsee. Dann brach der erste Weltkrieg aus. Der Vogelschutz sollte sich nun "als Glied der deutschen Volkswirtschaft begreifen", also den Verzehr von Vögeln und Eiern dulden. Nach der Revolution 1918 musste nicht nur der Hauptmäzen, König Wilhelm II von Württemberg, abdanken, auch der Adel verlor Einfluss und Geld, den Vogelschutz zu unterstützen.
In den 20er Jahren wandelte sich der Vogelschutz hin zum Naturschutz. 1924 wurden auch "Raubvögel" geschützt und in Greifvögel umbenannt. Erstmals wurde kritisiert, wenn Bauern Hecken und Flurgehölze rodeten, Tiere und Vögel ihres Lebensraums beraubten. 1946 folgte der Neubeginn nach dem Krieg. 1991 die Umbenennung zum Naturschutzbund Deutschland, der um die Jahrtausendwende rund 350 000 Mitglieder hatte.
Die Festschrift schildert auch Kuriositäten (Österreich-Boykott), Anekdoten wie den Krimi um geklaute Falkeneier und die Geschichte der Schinderhütte. Auf Fotos begegnen dem Leser Persönlichkeiten wie Ekkehard Jeserich, der die Mitgliederzahl über die magische Tausenderschwelle brachte, den verstorbenen Dr. Hans Scheerer und eine Aufzählung der Flächen, die der NABU heute besitzt und pflegt, um wenigstens dort der Natur zu ihrem Recht zu verhelfen.
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