Schorndorfer Nachrichten
vom 28. Februar 2000

Hier bin ich Fledermaus, hier darf ich sein

Buben und Mädchen der Naturschutzjugend haben Schlafzimmer für Zwergfledermäuse gebaut und aufgehängt.

Beim Anbringen der Fledermauskästen

Pipistrellus pipistrellus heißt die Maus. Und nur Angshasen der Gattung Homo sapiens gruseln sich vor dem kleinen, feinen Flugtier, das gerade mal in die Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger passt. Pipistrellus ist ein niedliches Tier und kein Vampir. Freilich, es gibt auch Vampire, solche aus der Familie der Blattnasen, und darunter gibt es die berüchtigte Art derer von desmondus rotundus. Nur deren Nahrung besteht aus Blut. Desmondus lebt aber weit weg in den Tropen. Pipistrellus hingegen, die kleine Zwergfledermaus, die schwirrt des Nachts durch Schorndorfs Grün. Und vor ihr braucht sich wirklich kein Menschlein zu fürchten.
Eher Pipistrellus vor den Menschen. Denn die rauben dem Tier in ihrer Unersättlichkeit jeden Rückzugsort. Fällen in unnachahmlichem Drang nach kalter Ordnung morsche und alte Bäume, reparieren sofort jedes Dach und ziehen so der kleinen Fledermaus auch noch den letzten Schlaf- und Ruheplatz unter der Flughaut weg. Aber Pipistrellus hat Verbündete. Sozusagen Rächer und Beschützer der kleinen Maus. Bewehrt mit Hammer, Nagel, Leiter und Holzkästen unter den Armen zog ein Trupp von gut 15 Pipistrellus-Fans am Samstag in das Gebüsch oberhalb der Schinderhütte in Schorndorf.
Die Buben und Mädchen der NAJU, der Naturschutzjugend, haben ein Herz für Pipi. Nachsichtiges Lächeln auf die Frage, ob sie denn keine Angst vor den Vampiren hätten. Quatsch, Vampire, die kommen nur in Filmen und in der aushausigen Phantasie unkundiger Menschen vor. Pipistrellus ist "klein und harmlos". Mathias, Simone, Wiebke, Sabrina und Sebastian haben für die kleine Fledermäuse Schlaf- und Ruhekästen gebaut, in die sich die Tiere nachts zurückziehen können. Von wegen Vorkehrungen für den sommerlichen Tanz der Vampire, wie ein ob der eingebildeten Gefahr schon ganz bleicher Zeitgenosse vorab raunte.
'Muffesausen kriegsch bloß da oben', beim Befestigen der Kästen in schwindelnder Höhe von vier bis sechs Metern, sagen Michael und Georg. Aber die Kästen müssen sein, wollen wir in Zukunft noch dem Fliegen der Fledermäuse in lauen Sommernächten zuschauen. Denn der Mensch ist maßlos und achtet vielleicht noch die Grenze zu seinem Nachbarn, nicht aber die Behausungen der Tiere. 'Viele fällen Bäume und bauen dann Häuser', wissen die Kinder der NAJU. Und deshalb ist die kleine Maus gefährdet.
Also müssen Leute wie Markus den kleine Säugern helfen. Zusammen mit Schwester Simone konnte er auch zu Hause seinen Vater davon überzeugen, nicht gleich die lose Dachlatte wieder zu befestigen. Denn unter ihr hatte sich eine kleine Zwergfledermaus eingenistet. Und die fliegt jetzt zum Plaisir der ganzen Familie morgens immer ums Dach herum. Pipistrellus ist ein dankbares Tier.
Gernot Becker, Naturschutzwart des Rems-Murr-Kreises, hat zum Ortstermin eine tote Fledermaus im Kästle mitgebracht. Gestorben ist das Tier im Winterlager. Pipistrellus ist nämlich ein Sensibelchen und verträgt manch' menschliche Erfindung äußerst schlecht. Renovierte Dachstühle zum Beispiel oder Holzschutzmittel.
So gesehen ist das, was Christoph Haller mit seiner Schorndorfer Naturschutzjugend macht, ein Stück Wiedergutmachung. Und die macht auch noch Spaß. Die Jugendlichen 'sehen selber, dass sie was für die Natur gemacht haben', weiß Haller. Und können diese Erfolge auch bei den Pflegeeinsätzen überprüfen. Denn es genügt nicht, nur die Kästen aufzuhängen. Der tierliebe Mensch muss ab und an auch ein Auge darauf und hinein werfen.
Die Pflege der Natur auch bei den Bach-Putzaktionen ist eine tolle Sache. 'Da kann man im Schlamm wühlen', schwärmt Christoph Haller, und nebenbei Vögel beobachten. 'Da, schauen Sie, das ist der Balzflug der Meise', flüstert Haller und weist in den frühlingshaften Himmel hinauf.
Die Karawane der Fledermausschützer zieht zum nächsten Baum. Nasses Gras schmatzt unter den Füßen, nach langem Winterschlaf duftet die ausgeruhte Erde, und im Gestrüpp, das hier um die Schinderhütte herum noch wirklich struppig sein darf, knackt und gluckert es verheißungsvoll.
Und Pipistrellus? Schaut sie vielleicht aus sicherer Entfernung dem Treiben zu, entspannt die Flughäute und freut sich schon auf die sommerlichen Flüge? Nach dem Motto: Hier bin ich Fledermaus, hier darf ich sein.

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