Interessanter Brutplatz einer Kohlmeise

Die sechs bei uns beheimateten Meisenarten zeigen uns immer wieder sehr eindrucksvoll, wie sie sich bei ihrer Nahrungssuche als "Turnweltmeister" bis in die filigransten Zweige unserer Gehölze begeben. Oft sind sie im Hausgarten oder in den Streuobstwiesen anzutreffen, wo sehr gerne Nistkästen oder von unseren "Zimmermeistern", den Spechten, erschaffene Baumhöhlen als Brutplätze angenommen werden.

Aber auch, wenn weder ein Nistkasten noch ein geeigneter Baum zur Verfügung stehen, so ist das noch lange kein Grund, nicht doch für Nachwuchs zu sorgen. Das hat ein Kohlmeisenpaar auf einem Lagerplatz eines Bauunternehmens am Ortsrand von Urbach bewiesen. Dort luden Anfang Juni 2013 zwei dauernd mit Futter im Schnabel fliegende Altvögel zu genauerer Beobachtung ein, weil sie regelmäßig die dort gestapelten Krangewichte aus Beton anflogen, und sich meist auf der zweitobersten Platte niederließen. Als nächstes folgten prüfende Rundumblicke, ob irgendein Feind in der Nähe ist, und dann verschwanden sie ruck zuck auf zunächst unerklärliche Art und Weise in dem Stapel. Die typischen Bettelrufe der Jungvögel waren deutlich zu hören, aber nur während der Fütterung. Da stellte sich nun natürlich die Frage: "Wie ist so etwas überhaupt möglich, die Platten sind doch massiv aus Beton?" Es mussten sich also auf der Oberseite der Gewichte irgendwelche Öffnungen befinden, die aber von unten her gar nicht ersichtlich waren. Auffallend war jedoch, dass die Platten etwas verdreht zueinander angeordnet waren. Und genau erst durch diesen Versatz entstand überhaupt eine geeignete Bruthöhle zwischen den obersten beiden Teilen. Die nur wenige Quadratzentimeter große Einflugöffnung in Dreiecksform war also gefunden, doch wo war das eigentliche Nest?

Das musste gut versteckt im hinteren Teil der Kunsthöhle liegen, war somit also bestens geschützt vor Nässe, Wind und Nesträubern. Selbst die Pfoten eines Marders o.ä. konnten den eigentlichen Brutraum nicht erreichen.

Sehr gut zu beobachten waren auch die sehr auf Sauberkeit im Nest achtenden Altvögel, wenn sie mit einem Kotballen ihrer Nachkommen im Schnabel die Höhle wieder verließen.

Um Störungen oder gar den Verlust des Brutplatzes durch Abtransport o.ä. zu vermeiden, wurde sofort der Bauunternehmer kontaktiert. Der freute sich natürlich über seine ihm bis dato unbekannten, aber sehr willkommenen "Mieter" und versicherte, dass die Gewichte selbstverständlich nicht bewegt würden.

Liebe Leserinnen und Leser, dieses Beispiel eines doch recht außergewöhnlichen Brutplatzes zeigt, wie spannend und lohnenswert es sein kann, sich nicht nur mit der Artbestimmung, sondern auch mit der Lebensweise unserer gefiederten Freunde zu beschäftigen.

Gunther Kurz



zum Seitenanfang Drucken