Die Himmelsziege

Zu Besuch im Lebensraum der Bekassine - Vogel des Jahres 2013

Um es gleich vorweg zu nehmen: sie hat es uns einfach gemacht, die Bekassine! Weniger seltene Jahresvögel der vergangenen Jahre waren bei der von uns traditionell angebotenen Führung zum "Vogel des Jahres" schwieriger bis gar nicht zu sehen.

Allerdings mussten wir dieses Jahr leider über eine Stunde fahren, um die nächst gelegenen Brutreviere dieses früher überall lebenden "Stochervogels" zu finden: die Nass- und Feuchtwiesen im schwäbischen Donaumoos nahe Günzburg.

Am 1. Mai war unsere Gruppe mit 10 Frühaufstehern bereits kurz nach 7 Uhr im noch neblig-verhangenen Naturschutzgebiet "Gundelfinger Moos". Eine für Remstäler schier unendlich flache und weitläufige Landschaft, mit unfassbar großen Wiesen-, Weide- und sonstigen landwirtschaftlichen Flächen, in der die Feldlerchen morgens um die Wette singen und die Wachteln rufen. Allgegenwärtig auch der Kuckuck, den man hier - im Gegensatz zu unseren Kuckucken in den Wäldern um Schorndorf - auch ständig zu sehen bekommt. Glücklich waren wir auch, den wahrscheinlich ersten Frühlingstag 2013 erwischt zu haben und so stand einem artenreichen Beobachtungstag nichts im Weg. Gut ausgerüstet mit Optik, Büchern, Kleidung und natürlich Vesper waren dann im Lauf des Tages Vogelarten zu sehen, die wir in Schorndorf seit langem nur noch als Durchzügler, seltene Gäste oder von alten Fotos kennen. Die Naturschutzgebiete entlang der Donau sind für unsere Verhältnisse riesig groß und könnten mit Pflegeeinsätzen, wie wir sie durchführen, natürlich nicht erhalten werden. Neben den Vogelbeobachtungen war dann das Thema des Tages auch, wie diese Lebensräume enstehen und erhalten werden. Interessant ist hier, dass landwirtschaftliche Nutzung und auch ein Pflegemanagement mit der Landwirtschaft die wertvollen Flächen erhält. Sicher, auch hier gibt es ein großes Spannungsfeld und aus unserer naturschutzfachlichen Sicht wäre hier noch vieles verbesserungsbedürftig.

Viele Flächen werden hier auch beweidet. Im Naturschutzgebiet selbst u.a. mit Exmore-Ponys, einer kleinen und leichten Pferderasse, die gut mit dem feuchten Untergrund zurechtkommt und Flächen offenhält, wie dies maschinell oder von Hand nicht möglich wäre. Ein Paradies für Braunkehlchen, Kiebitz und Limikolen.

Die NSGs im Donaumoos sind von europaweiter Bedeutung und weshalb dies so ist, wurde uns schon nach wenigen Stunden deutlich. Denn es ist nicht nur die Bekassine, die wir hier in ihrem typischen Refugium hörten, sahen und bei ihrem charakteristischen Balzflug mit dem ziegenähnlichen Gemecker beobachten konnten. Silberreiher, Kiebitz, Brachvogel und weitere Limikolen, Blaukehlchen, Braunkehlchen, Schwarzkehlchen, Nachtigall, Feldschwirl, Neuntöter, Baumfalke, Rohrweihe ... an guten Tagen gibt es in wenigen Stunden leicht über 80 Vogelarten zu sehen und zu hören. Richtig wach wurden wir dann bei einem beeindruckenden Schauspiel: aus den Wiesen erhoben sich nach und nach 14 Weißstörche, wohl noch hier über Nacht rastende Durchzügler, und schraubten sich über uns in den blauen Himmel um wieterzuziehen. Fast selbstverständlich, dass man den Storch hier auch ganzjährig und als Brutvogel antrifft.

In den kilometerlangen Donau-Auwäldern rufen verschiedene Spechte, der Pirol (bei unserem Besuch leider noch nicht anwesend) und man kann einen lieben Bekannten aus unseren Streuobstwiesen treffen: der Halsbandschnäpper besiedelt hier zahlreich seinen ursprünglichen Lebensraum. Als gäbe es in den Wiesen-, Sumpf- und Moorflächen nicht schon genug Sehenswertes, gibt es entlang der Donau einen weiteren Lebensraum mit vielen ornithologischen Leckerbissen. Der Untergrund besteht in der Donauaue aus metertief anstehendem Kies, der an vielen Orten abgebaut wird. So entstanden und entstehen noch heute große Baggerseen, deren Zustand und Ufervegetation verschiedene Altersstrukturen aufweist, je nachdem, wie alt der See ist. Viele dieser Seen werden nach ihrer Nutzung auch als Ausgleichsmaßnahmen umgewidmet oder als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Hier finden sich zahlreich verschiedene Rohrsänger, darunter der imposante und hunderte Meter weit zu hörende Drosselrohrsänger. In den Schilfgürteln, der die Seen meist umgibt, brüten auch Wasserrallen und weitere Wasservögel. Fast auf jedem See schwimmt ein Haubentaucherpaar. Regelmäßige Gäste und wohl auch angehende Brutvögel sind Fischadler und Purpurreiher. Allgegenwärtig sind Graugänse, aber auch Nil-, Rost- und Kanadagänse leben hier. Vor allem an älteren Seen mit fortgeschrittener Ufergehölz-Sukzession sind überall Fraßspuren und Laufwege des Bibers zu sehen.

Im Winter sind diese Seen wichtige Rastplätze für tausende von Enten und Gänsen. Mehrere Beobachtungstürme, die seit zwei Jahren an besonders interessanten Stellen der Seen im Naturschutzgebiet stehen, bieten gute Möglichkeiten, die Vögel an und in den Gewässern zu beobachten. Ein Paar Flussseeschwalben auf ihrem für sie errichteten Brutfloß begeisterten mit elegantem Flug, während im Hintergrund auf einer der weiten Wiesen zwei Kraniche landeten. Und es wäre kein Tag im Donaumoos, hätte er nicht eine ganz besondere Überraschung: eine Teilnehmerin entdeckt einen Vogel, den die wenigsten von uns jemals sahen, der so heimlich und gut getarnt lebt, dass er das manchmal vergisst und dann den glücklichen Beobachtern fast vor den Füßen herumläuft. Es ist ein Männchen des kleinen Sumpfhuhns! Zufrieden und durstig sind wir abends um 17 Uhr wieder in Schorndorf und finden: trotz deutlich weniger Vogelarten und deutlich mehr Menschen um uns herum ist auch ein Biergarten ein besuchenswerter Lebensraum!

Jörg Daiss



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