Land unter für den Naturschutzß

Das geplante Hochwasserrückhaltebecken 5 im NSG Morgensand/Seelachen

Einigermaßen überraschend erhielten wir 2013 die Ankündigung über die Planung eines Hochwasserrückhaltebeckens im Naturschutzgebiet Morgensand/Seelachen. Dieses Gebiet ist allen NABU-Schorndorf-Mitgliedern bestens bekannt. Ähnlich wie das Schorndorfer NSG Rehfeldsee ist es ein Schutzgebiet, dessen "Väter" in unserem Vorstand zu finden sind. E. Jeserich, J. Marx, W. Schnabel, E. Lang und weitere haben seinerzeit mit viel ökologischem Sachverstand, Weitsicht und hohem Einsatz mitgewirkt, diese einmaligen Lebensräume dauerhaft unter Schutz zu stellen. Keine Frage - Hochwasserschutz ist eine wichtige Angelegenheit, gerade im dicht besiedelten Remstal. Zweifelsfrei dienen - zumindest teilweise - diese Maßnahmen aber auch dazu, Fehler der Vergangenheit durch unbedachte Bebauungen und Erschließungen zu korrigieren. Immer wieder fällt bei genauer Betrachtung auch auf, dass durch die Hochwasserschutz-Baumaßnahmen Flächen entstehen können, die bisher für eine Bebauung völlig ungeeignet waren. Aus natürlichen Überflutungsgebieten wird so durch die Hintertür Bauland.

Planungen und Auswirkungen

Grund genug also für uns, diese Maßnahmen kritisch zu beobachten und zu begleiten. Träger aller Verfahren im Remstal ist das Landratsamt Rems-Murr-Kreis. Beauftragt mit den Planungen und Ausführungen ist der Wasserverband Rems. In diesem sind alle Remstal-Gemeinden Mitglied. Bereits abgeschlossene Verfahren im Raum Schorndorf sind z.B. die Hochwasserschutzmaßnahmen in Lorch und Winterbach. Verfahren in solchen Größenordnungen setzen heute eine frühzeitige Beteiligung und Information aller Betroffenen, Eigentümer und Nutzer voraus. Das Landratsamt und der Wasserverband haben auch die Naturschutzverbände bei einem sog. Scoping-Termin im März 2013 über das Vorhaben, seine Auswirkungen sowie Probleme bei der Umsetzung informiert. Schon bei diesem Termin haben wir erhebliche Bedenken und erste Korrekturen angemeldet. Die Maßnahme innerhalb des NSGs ist ein erheblicher Eingriff, der trotz geplanter Ausgleichsmaßnahmen schwer verkraftbar ist. So werden z.B. durch die Bauwerke des HWR Gebiete und Flächen zugänglich, die es bisher nicht waren. Der Charakter der Auwaldlandschaft ist erheblich bedroht, durch langjährige Baumaßnahmen wird das im Remstal einmalige Rast- und Überwinterungsgebiet vieler Vogelarten deutlich gestört. Die weitläufige Wiesen- und Auenlandschaft verliert ihre Funktion und ihren landschaftlichen Reiz. Einer Erschließung z.B. mit Gewerbeflächen aus Richtung Schorndorf stünde nach der Erstellung des Dammes nichts mehr im Wege und dies würde eine der letzten großen unverbauten Flächen im Remstal für immer verschwinden lassen. Besonders schwierig ist auch für die Planer der Umstand, dass sich große Flächen nicht nur im Naturschutzgebiet, sondern zusätzlich im NATURA2000-Gebiet befinden. Das heißt, das HWR5 muss auch von der EU genehmigt werden. In der Praxis heißt dies u.a., dass erhebliche Flächen als Ausgleichsmaßnahmen geschaffen werden müssen. Und dies im oder am Verfahrensgebiet - eine fast unlösbare, wenn nicht sogar widersinnige Aufgabe! Auch der hauptamtliche Naturschutz beim Regierungspräsidium und dem Landratsamt schließt sich unseren Bedenken an und sieht die Planungen sehr kritisch.

Stellungnahmen, Ortstermine, Gutachten - es gibt viel zu tun.

Nach dem Scoping-Termin hat der NABU Schorndorf eine erste Stellungnahme zum Verfahren abgegeben. Dabei wurde neben den Auswirkungen auf den Naturhaushalt, den immensen Flächenverbrauch und die Beeinträchtigung durch Freizeitdruck auf die herausragende Stellung und Bedeutung des Gebiets für die Vogelwelt hingewiesen. Aber auch naturschutzrechtliche Bedenken zum Ausgleich der Eingriffe, der Beachtung der FFH-Richtlinien und durchzuführende artenschutzrechtliche Untersuchungen wurden erwähnt. Das NSG Morgensand/Seelachen ist zweifelsohne "Bibererwartungsland". Die Seen und die Rems waren und sind Lebensräume für gefährdete Fisch- und Krebsarten. Der Lebensraum für viele gefährdete Vogel-, Tier- und Pflanzenarten endet nicht am Rand des eigentlichen Plangebietes für das Hochwasserrückhaltebecken! So können Arten gefährdet sein, die auf weite und unzerschnittene Lebensräume angewiesen sind oder deren von ihnen genutzten landwirtschaftlichen Flächen wegfallen wie z.B. die Feldlerche. Dem Planungsbüro ist bewußt, dass im Gegensatz zu bisherigen Hochwasserrückhaltebecken hier der Naturschutz eine sehr große Bedeutung hat und sucht daher von Anfang an den Austausch und Kontakt mit dem NABU Schorndorf. In einem ersten Ortstermin im April 2013 wurde so z.B. festgestellt, dass die im Rahmen des Verfahrens geplanten Untersuchungen zur Vogelwelt im Gebiet nicht ausreichend sind. Diese werden nun durch unsere eigenen Daten erweitert. Vom NABU Schorndorf wurde bei der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Rems-Murr-Kreis (OAG) ein Gutachten in Auftrag gegeben, das u.a. Beobachtungsdaten von Wintergästen aus den letzten Jahren dokumentiert. Für das Vorkommen der gefährdeten Zwergmaus, von der uns aus mehreren Jahren Nachweise vorliegen, wurde auf unsere Anregung vom Planungsbüro ein Gutachten in Auftrag gegeben und durchgeführt.

Wieso ist das Naturschutzgebiet Morgensand/Seelachen so wichtig? "Gelingt es nicht, die Kernzone der Remsaue als Naturschutzgebiet wirksam zu schützen, wird es in diesem einzigartigen Lebensraum des mittleren Remstals für viele seiner natürlichen Bewohner keine Zukunft geben." Dieser Satz stand im "Bewerbungsschreiben" Naturschutz für die Remsaue Urbach-Schorndorf, verfasst von der DBV-Ortsgruppe Schorndorf e.V. und eingereicht beim Regierungspräsidium Stuttgart, 1984. Ich finde, er hat nichts von seiner Gültigkeit verloren und wir können ihn 2014 als genauso aktuell übernehmen.

Jörg Daiss



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