Bitte sitzenlassen!

Jungvögel werden auch nach dem Ausfliegen noch eine Zeitlang von den Altvögeln gefüttert. Sie erwarten deren Rückkehr, indem sie stillsitzen und sich ruhig verhalten. Sie sind keinesfalls verlassen. Hier gilt: Weitergehen und sitzenlassen!

Junger Hausrotschwanz
Ein soeben flügge gewordener junger Hausrotschwanz. Er wartet auf die Altvögel, die ihn noch eine Zeitlang mit Nahrung versorgen.

Wenn Jungvögel im Frühjahr und im Frühsommer ausfliegen, beginnt die "Bettelflugphase", in welcher die Tiere noch eine Zeitlang von den Altvögeln gefüttert werden, aber auch lernen müssen, außerhalb des Nestes oder der sicheren Bruthöhle zurechtzukommen. In dieser Zeit lauern eine Menge Gefahren auf die jungen Vögel: Katzen, Marder und andere Beutegreifer fordern einen hohen Tribut. Hinzu kommen die Gefahren des Straßenverkehrs, Fensterscheiben oder offene Regentonnen, um nur einige Beispiele zu nennen. Doch auch der Mensch selbst kann Jungvögeln zum Verhängnis werden: jedes Frühjahr werden vermeintlich verlassene Vogelkinder mitgenommen. Aufgrund von falscher Fütterung und nicht artgerechter Versorgung gehen viele qualvoll zugrunde. Dabei sind diese scheinbar hilflosen Vogeljunge, die oft kaum Scheu zeigen, keinesfalls verlassen. Die Altvögel halten sich meist ganz in der Nähe auf und warten darauf, dass der Mensch sich wieder entfernt. Das vermeintlich hilflose Piepsen des Jungvogels dient als Kontaktruf zu den Eltern und Nestgeschwistern.

Entdeckt man einen scheinbar verlassenen Jungvogel, entfernt man sich am besten schnell wieder. In den allermeisten Fällen ist schon in kürzester Zeit einer der Altvögel zur Stelle, um das Jungtier zu füttern. Sollte der junge Vogel an einem gefährlichen Ort, beispielsweise auf einer Straße oder einem Radweg sitzen, empfiehlt es sich, das Tier vorsichtig aufzunehmen und in ein nahegelegenes Gebüsch zu setzen. Auch wenn der Vogel schon mitgenommen wurde (Kinder lassen sich leicht dazu verleiten), setzt man ihn an die Fundstelle zurück. In den meisten Fällen suchen die Vogeleltern nach dem verlorenen Jungtier und erkennen es an seinen Rufen schnell wieder. Noch nicht flügge Jungvögel, welche aus dem Nest gefallen sind, kann man problemlos zurücksetzen. Es versteht sich von selbst, sich brütenden und fütternden Tieren nicht zu nähern oder sie zu stören. Die Gefahr ist sehr groß, dass das Nest dann verlassen wird und die Jungen verkühlen oder verhungern.

Nur, wenn man sich wirklich sicher ist, dass der Vogel nicht gefüttert wird, wenn man einen verletzten Vogel findet oder schnelle Hilfe nötig ist (beispielsweise ein vom Baum gewehtes Nest mit stark ausgekühlten Jungvögeln), kann und darf man eingreifen. Als erste Versorgungsmaßnahme ist es dringend notwendig, sehr junge oder verkühlte Vögel zu wärmen und ihnen mit dem Finger ein paar Tropfen Wasser vorsichtig auf den Schnabelrand zu streichen. Am besten überlässt man alle weiteren Schritte einem Fachkundigen, da die Aufzucht von Jungvögeln viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt und Fachwissen erfordert. In den allermeisten Fällen schadet man mit einer falschen Ernährung dem Tier mehr, als man ihm nützt. Im Internet finden Sie viele fachkundige Seiten und Adressen zur Aufzucht und Pflege von Wildvögeln. Sollten Sie dennoch Fragen haben, kann Ihnen auch das Vogelschutzzentrum (www.vogelschutzzentrum.de) oder das Vogelhaus Evy (Tel. 07183/307888, www.vogelhaus-evy.de) weiterhelfen.

Angelika Pöhlmann


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