Winterfütterung - sinnvoll, überflüssig, schädlich?Kaum ein Thema ist unter Vogel- und Naturschützern so umstritten wie die Winterfütterung unserer Vögel in Garten, Feld und Flur. Zahlreiche Bücher und Ratgeber gibt es auf dem Markt und auch erste Spezialversandhändler für allerlei Futtermischungen werben um Kunden. Gefüttert werden soll am besten das ganze Jahr, so wollen es neueste wissenschaftliche Untersuchungen herausgefunden haben. Was meint dazu der NABU Schorndorf?Prinzipiell ist eine Fütterung freilebender Vögel vor allem im Winter durchaus nicht verkehrt. Darauf zu verzichten allerdings auch nicht, könnte man als grobe Regel aufstellen. Wer einen eigenen Garten oder ein Stückchen "Natur" im Dorf oder der Stadt hat, sollte bestrebt sein, diesen möglichst naturnah zu gestalten. Ein solcher Garten - mit "ungepflegten" Ecken, einer artenreichen Vegetation, Trockenmauern mit Nischen, Bepflanzung mit einheimischen Gehölzen, beerentragenden Sträuchern, mit Verzicht auf chemische Unkrautbekämpfungsmittel - ist der vitalste Lebensraum für eine artenreiche Vogelschar. Was das Jahr über mit falscher, übertriebener Pflege und unsinniger Bepflanzung falsch gemacht wird, lässt sich im Winter mit dem tollsten Futterhaus nicht ausgleichen! Wie sieht das ideale Futterhaus denn überhaupt aus? Sicher nicht so, wie man sie in den meisten Gärten sieht. Diese genügen lediglich unseren ästhetischen Vorstellungen mit ihrer alpenländischen Optik. Vor allem bei kleinen Futterhäusern müssen die Vögel richtig hineinkriechen - eine Verhaltensweise, die Finkenvögeln geradezu widerstrebt. Lediglich die flinken Meisen, die ein Leben in Nischen und Höhlen gewohnt sind, haben hier etwas davon. Deshalb empfiehlt sich für größere Gärten ein Futtertisch, der überdacht ist (mind. 30 cm Abstand). Für kleinere Gärten mit zwangsläufig kleineren Vogelvorkommen gibt es hervorragende Futtersilos oder -säulen. Ergänzt werden sollte der Futterplatz durch eine Wasserstelle. Was soll gefüttert werden? Das Futterangebot richtet sich ganz nach den Vogelarten, die an das Futterhaus kommen. Ortsrandlagen oder Futterhäuser, die nicht weit weg vom Wald sind, werden von anderen Arten besucht als ein Futterhaus mitten in der Stadt. Und jetzt wird das Vögelfüttern interessant: denn wer was frisst und wie oft, das lässt sich nur durch regelmäßiges Beobachten und Versuchen herausfinden. Kommen z.B. regelmäßig Finken oder Zeisige an die Futterstelle, muss der Tisch anders gedeckt sein als für die Kohlmeise oder den Kleiber. Empfehlenswert ist auch "Selbstgemachtes": vieles lässt sich mit wenig Aufwand selbst herstellen. In unten angeführten Büchern finden sich viele praktische Tipps! Sehr kritisch sollte man bei der Auswahl der Futtermittel sein. Viele im Handel angebotenen Mischungen sind leider sehr minderwertig und enthalten zudem nicht selten die ungeliebten Ambrosia-Samen. Diese vor allem für Allergiker problematische Beifuß-Pflanze wächst mittlerweile in vielen Gebieten Deutschlands als sogenannter Neophyt, d.h. nichtheimische, eingebürgerte Pflanze. Da Futtermittel nicht der Lebensmittelkontrolle unterliegen, dürfen sie während des Anbaus bzw. der Erzeugung auch chemisch behandelt werden. Oft sind sie leider auch verpilzt (hier speziell Erdnüsse) oder schimmelig. Deshalb lieber etwas mehr Geld ausgeben und sich informieren, wo das Futter herkommt. Wann soll gefüttert werden?Das Futterhaus kann durchaus das ganz Jahr im Garten stehen und hin und wieder mit Sonnenblumenkörnern, Haferflocken oder Hirse ausgelegt werden. Als Zusatznahrungsquelle nehmen es die Vögel gerne an und ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch während der Brutzeit vor allem in Schlechtwetterperioden gerne das Futterhaus besucht wird. Das Verschwinden der Haussperlinge aus unseren Dörfern hat übrigens auch damit zu tun, dass es keine "Ganzjahresfütterung" mehr für sie gibt. Hauptsächlich ernährten sie sich nämlich von allerlei Futter und Futterresten in Hühner- und Taubenhaltungen. Und wo gibt es die heute schon noch? Regelmäßig kann dann von Dezember bis Februar während der kalten Jahreszeit gefüttert werden. Ab März sind viele der Futterhaus-Besucher dann meist schon wieder abgewandert oder in ihren Revieren und die Fütterung kann wieder reduziert werden. Eine Ganzjahresfütterung sollte nur vorgenommen werden, wenn man gezielt bestimmte Vogelarten unterstützen möchte oder muss, Dies wird jedoch nur in sehr seltenen Fällen vorkommen und ist dann meist Sache von Spezialisten. Nicht nur schädlich und gefährlich für die Vögel, sondern mittlerweile sogar verboten ist das früher oft praktizierte Verfüttern von Schlachtabfällen an Greifvögel. Die Winterfütterung von Greifvögeln ist ebenso wie das Anlegen von Futterstellen für Eulen in Extremwintersituationen ausschließlich ein Fall für Fachleute. Eine ganzjährige Körnerfütterung ist schon deshalb fragwürdig, weil ja auch dieses Futter irgendwo erst angebaut werden muß. In den Anbauflächen, die meist in Asien oder Afrika liegen, geschieht dies oft auf Kosten der Natur vor Ort. Für Anbauflächen wird auch Urwald gerodet und auch bei der Behandlung mit Herbiziden und Pestiziden ist man dort nicht sonderlich umsichtig. Zudem fehlen diese Anbauflächen dann für die Lebensmittelerzeugung gerade in Drittwelt-Ländern. Unser Fazit: Vogelfütterung ist ein schönes Naturerlebnis und erlebte Vogelkunde! Auch die Passion des Verfassers dieses Artikels für die gefiederte Welt begann in frühen Tagen am Futterhaus im Garten. Von Einzelfällen abgesehen können wir damit keine Vogelart retten. Naturschutz- und speziell Vogelschutzmaßnahmen sollten stets Vorrang haben! Tipp: beim Beobachten am Futterhaus eine kleine Notiz machen, welche Vogelschutzmaßnahmen man im Sommer im Garten oder in der Natur machen bzw. unterstützen möchte. Jörg Daiss
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