Schorndorfer Nachrichten
vom 24. November 2000

Ziegenmelker nahe dem Burgschloss

NABU-Vogelspezialist Wolfgang Schnabel entdeckte 
einen in Schorndorf seltenen Vogel

Ziegenmelker
Foto: G. Lang
(pm). Am Samstag sah Wolfgang Schnabel von der Naturschutzbund-Ortsgruppe Schorndorf nahe dem Burgschloss einen ganz besonderen Vogel: Ein Ziegenmelker hockte in den Grünanlagen am Boden und wurde von Rabenkrähen attackiert.
Für Ziegenmelker ist es durchaus üblich, den Tag am Boden oder auch längs auf Ästen sitzend zu verbringen. Sie sind wie Eulen nachts und hauptsächlich in der Dämmerung aktiv. Dann fangen sie im Fluge mit weit aufgesperrtem Schnabel allerlei Motten, Stechmücken, Käfer und Nachtfalter. Das weiche, rindenartig gemusterte Gefieder verleiht ihnen einen geräuscharmen Flug. Deshalb und wegen der schlanken, langen Flügel bezeichnet der Volksmund sie als Nachtschwalben.
Den Findling - die Wissenschaft nennt ihn "caprimulgas europaeus" - nahm Wolfgang Schnabel auf und zunächst mal in Schutz. Es handelte sich um ein erwachsenes "adultes" Weibchen, das schon im vergangenen Jahr oder früher geschlüpft war. Im Schorndorfer Raum gibt es normalerweise keine Ziegenmelker. Sie leben überwiegend in heideartigen Waldgebieten mit Sandböden, also in Wacholderheiden und Kiefernwäldern. In Baden-Württemberg gilt die Nachtschwalbe als vom Aussterben bedroht, in Deutschland steht sie als "stark gefährdet" unter Schutz. Im Schorndorfer Gebiet wurden in den letzten 50 Jahren nicht mehr als fünf Ziegenmelker beobachtet und registriert. Dabei handelte es sich stets um Durchzügler. Das dürfte auch bei der Ziegenmelker-Dame so sein. Sie bat beim Wegzug ins Winterquartier nach Südafrika offenbar den rechten Start oder zumindest den Anschluss verpasst, denn die Nachtschwalben ziehen meist im September, vereinzelt im Oktober und sehr selten im November. Für die weite Flugreise fehlten dem Findling die nötigen Fettreserven. Deshalb fütterte ihn Wolfgang Schnabel mit Mehlwürmern und kleinsten Fleischstückchen. Ein Vogel, der seine Nahrung im fliegen fängt, pickt nichts auf wie etwa Körnerfresser. Deshalb lief die Fütterung so ab: Schnabel öffnen, Futter in den Schnabel hinein auf die Zunge legen, Schnabel schließen und schlucken lassen - es handelt sich dabei mehr um ein Hinunterwürgen. Das hat die Ziegenmelker-Dame jedoch bereitwillig gemacht, und so konnte sie, nachdem die Kältephase des letzten Wochenendes vorüber war, gestärkt weiter nach Süden ziehen.
Zum Namen Ziegenmelker kamen die Vögel, weil sie bei ihren Dämmerungs-Jagdflügen gerne Ziegen umkreisten, um Insekten im Dunstkreis der Ziegen zu erbeuten. Die Leute meinten, die Vögel würden sich mit ihrem auffallend weit geöffneten Schnabel an die Zitzen der Ziegen hängen und sie melken. Auch wenn man heute weiß, dass dies nicht stimmt, der Name hat sich gehalten. Der NABU hofft, dass sich auch die Vögel halten können.


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