Streuobstwiesen

Geschichte und Bedeutung der prägenden Landschaftsform des Remstals

Halsbandschnäpper (Klicken zum Vergrößern, 22 kByte)
Nierenfleck-Zipfelfalter (Klicken zum Vergrößern, 20 kByte)
Astlose Graslilie (Klicken zum Vergrößern, 18 kByte)

Warum sind sie heute in aller Munde? In jüngsten Zeitungen lesen wir: "An Streuobstwiesen scheiden sich die Geister" oder "Kosten der Pflegemaßnahmen auf Dauer nicht leistbar [...] ist die Pflege von Grund auf überhaupt der richtige Weg?". Was steckt dahinter? Ältere Menschen werden sich noch daran erinnern, dass man Rodungszuschüsse erhielt, wenn man dafür kleinwüchsige Bäume gepflanzt hat, ja ganze "Obstplantagen" mit Niederstämmen sind entstanden - der besseren Pflege und Ernte wegen. Will man sie nun oder will man sie nicht? Landesweit betrachtet will man sicherlich sowohl Tafelobst wie auch Mostobst erzeugen. Beide Arten kann man aber nicht über einen Kamm scheren, denn es hat jede Art ihre eigene Kultur, Standort, Erzeugung und Vermarktung , auch Philosophie - wie der Mensch. Denn da hat auch fast jeder seine eigene Meinung zu deren Kultivierung oder Rekultivierung, womit es zwangsläufig zu einem "Scheiden der Geister" kommen muss.

Daher müssen wir die Frage stellen: was sind Streuobstwiesen? Welche Definition wollen wir geben, denn dabei gehen die Meinungen auch schon wieder auseinander. Mit Streuobstwiesen bezeichnen wir Wiesen (früher auch Äcker), auf denen unregelmäßig "gestreut" Obstbäume mit Hochstamm wachsen. Charakteristisch ist auch der Altersunterschied und der Artenreichtum, der dort mehr oder weniger verstreut und mehr oder weniger gepflegt stehenden Obstbäume.

Man spricht von Landschaftsprägung durch den Streuobstbau, insbesondere hier im Remstal und Albvorland. Aber so war es nicht immer. Wir hätten vor 100 Jahren nicht wie heute mit dem Blütenmeer im Remstal werben können, denn diese Talhänge waren damals noch mit Reben bewachsen. Es ist auch falsch zu meinen, nur da, wo der Weinbau aufgegeben wurde, seien die Streuobstwiesen entstanden. Nein, dieses Landschaftsbild hat sich langsam entwickelt und nicht nur in Deutschlands Süden. Wichtig und typisch ist die Doppelnutzung des Bodens. Das heißt unter den Bäumen, im sogenannten Unterwuchs das Gras und die Blumen der Wiese und im 1. Stock die Obstgewinnung. Die Struktur dieser Zweckgemeinschaft besitzt eine sehr hohe Artenvielfalt und ist daher auch aus naturschutzfachlicher Sicht von höchster Bedeutung. Wie entstand das?

Von alters her sind Obstgärten in Siedlungsnähe bekannt. Kriege und Witterungseinflüsse haben oft ganze Ernten zunichte gemacht, so dass es zu Hungersnöten kam. So haben insbesondere nach dem 30jährigen Krieg, als das ganze Land darniederlag, aufgeklärte Landesherren in die Rekultivierung der Ländereien auch den Obstbau mit einbezogen.

1663 wurde im Herzogtum Württemberg verordnet, dass die Landstraßen beiderseits mit Obstbäumen eingefasst werden sollten; Bewerber um das Bürgerrecht und heiratswillige Bauern mussten 1 bis 5 Bäume pflanzen und pflegen, bei Ausfall auch ersetzen. Baumfrevler hatten mit drakonischen Strafen zu rechnen. Auch in Baden, Hessen, Sachsen und Brandenburg gab es derlei Verordnungen. Dabei hatte man es ausschließlich auf den Hochstamm abgesehen. Noch bekannte Überlieferungen lauten z. B.: "Auf jeden Raum pflanz einen Baum und pflege sein, er trägt dir's ein". Das Obst bereicherte den meist einseitigen und mageren Speisezettel. Sei es frisch verzehrt oder als Dörrobst haltbar gemacht, als Saft oder Most getrunken und zu Branntweinen (Schnaps) weiter verarbeitet, diente es dem Menschen und seiner Gesundheit. Eine Verdichtung der Streuobstbestände in der Landschaft brachte der durch Schädlinge (Reblaus) und Klima bedingte Rückgang der Rebfluren Ende des 19. Jahrhunderts und erreichte wohl in den 1930er Jahren seinen Höhepunkt.

In der Beschreibung des Oberamts Schorndorf von 1851 lesen wir unter "V Nahrungsstand, 3. Wirtschaft b. Pflanzenbau, 2. Einzelne Culturen, e. Obstzucht: Der Bezirk gehört zu den gesegnetsten Obstgeländen Württembergs. Der Obstbau ist noch überall in der Zunahme begriffen; alle Straßen und Allmanden sind mit Obstbäumen besetzt und manche Orte ganz davon umwaldet, obwohl dem Obst in den Thalorten nicht selten der Frühlingsfrost schadet". Diese Oberamtsbeschreibungen waren auch eine offizielle Bestandsaufnahme für alle Oberämter des Königreichs Württemberg nach damals etwa 50-jährigem Bestehen. Aber es wird auch auf den sehr kalten Winter 1787/88 verwiesen, bei dem allein auf der Markung Schorndorf 7.641 Apfel-, 1.301 Birn- und 10.448 Zwetschgenbäume erfroren sind (Rösch S. 154). Und das war ca. 80 Jahre vor dem rasanten Rückgang des Weinbaues! Dann aber wurden wegen der zunehmenden Intensivierung und Mechanisierung der landwirtschaftlichen Nutzung Mitte des 20. Jahrhunderts die Obstbäume auf Äckern und Wiesen wieder gerodet. Auch wurde der Obstbau - wo es klimatisch möglich war - intensiviert und Obstplantagen mit Niederstämmen ersetzen vielfach alte Streuobstwiesen.

Wie sehen wir heute die Streuobstwiesen? Weniger für den Betreiber als für den unbeteiligten Spaziergänger zunächst einmal als eine Naherholungslandschaft. Im Frühjahr, wenn als erstes die Kirschen blühen, ist das ganze Remstal ein einziges Blütenmeer. Weiß, fast gleichzeitig mit der Birnenblüte, dann anschließend fließend übergehend vom zarten Rosa zum annähernd satten Rot der verschiedenen Apfelsorten. Je nach Standort und Bodenbearbeitung finden sich alle nur denkbaren Arten von Gräsern, Kräutern und Blumen. Diese Vielfalt an Pflanzenarten begünstigt auch viele Tierarten: Ameisen, Hummeln, Bienen, Schmetterlinge, Niederwild wie Hasen und Wiesel und eine Vielzahl von Vögeln, auch seltene Arten und solche, die auf der 'Roten Liste' stehen wie Halsbandschnäpper und Wendehals. Dort wo genügend Strauchgehölze und Hecken eingestreut sind, finden sich auch Neuntöter, Fledermäuse, Wespen und Hornissen, Siebenschläfer und seltener auch Haselmäuse. Spechte wie Grau- und Kleinspecht haben nur dort eine Chance, wo es Totholz gibt. Dies gibt es aber nur in Streuobstwiesen, die vielleicht auch 'ungepflegt' erscheinen, aber durch ihre Vielzahl an Baumarten in allen Altersstufen 'glänzen'. Entscheidend ist also die extensive Nutzung. Wer aber ist heutzutage noch gewillt, seine landwirtschaftlichen Grundstücke derart zu betreiben, denn dadurch kann kein Tafelobst erzeugt werden, das Gewinn abwirft, sondern nach landläufigem Ausdruck eben Mostobst. Damit ist aber kein Geld zu verdienen, wenn erst einmal der Eigenbedarf gedeckt ist. Mit welchen Mitteln können also die Streuobstwiesen erhalten werden? Mit Hilfe der Landesregierung und der Naturschutzverbände ist in den letzten Jahren ein Programm angelaufen, die Erzeugnisse aus Streuobstwiesen ohne chemische Behandlung als "Bio-Apfelsaft" mit einem Aufpreis zu vermarkten, um den Erzeugern eine annähernde Entschädigung für ihren Arbeitseinsatz zu gewähren.

Warum 'stehen' wir also auf Streuobstwiesen, die extensiv genutzt werden? Weil es in Obstplantagen, die intensiv genutzt werden, außer Tafelobst nichts gibt, was wir gerne hätten, nämlich: keine Blütenpflanzen (außer dem Anbauobst), kein Totholz, keine Insekten, Käfer, Ameisen, keine Vögel.

Hans Haller

Literatur:
Streuobst, Themenhefte Stiftung Naturschutzfonds beim Ministerium Ländlicher Raum BW; Oberamtsbeschreibungen von 1851 für Oberamt Schorndorf u. Esslingen.
Untersuchungen über die Möglichkeiten zur Erhaltung des landschaftsprägenden Streuobstbaues.
Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Umwelt und Forsten. Stuttgart.

Verschaffen Sie sich einen Überblick über Seiten mit ähnlichen Themen


zum Seitenanfang Drucken