Der Halsbandschnäpper

Ein heimlicher Charaktervogel einer Kulturlandschaft

Halsbandschnäpper
Zeichnung: Jörg Daiss

Endlich wieder Frühling! Die Bäume der Streuobstwiesen rund um Schorndorf zeigen sich wieder stolz in ihrer vollen Blütenpracht. Vor kurzem noch fahlgelbe Wiesen bekommen langsam wieder, wie frisch geputzt, ihre saftig-grüne Farbe. Die heimische Vogelwelt scheint sich auf diese Jahreszeit ebenso zu freuen wie wir, mit ihren Gesängen geben Spechte, Meisen, Baumläufer, Finken dem Frühlingsbild den entsprechenden akustischen Hintergrund. Übermütig kann man viele schon beim Nestbau beobachten. Anfang Mai, wie schnell haben wir uns wieder an vertraute Vogelstimmen gewöhnt, dringt aus einem blühenden Kirschbaumzweig ein durchdringenden "siiieb", gefolgt von melodisch-klagenden "tjüht-tjüht"-Pfeiftönen. Der Halsbandschnäpper ist wieder aus seinem Winterquartier zurück! Er ist einer der interessantesten Vögel unserer Heimat, der jedoch nur sehr wenigen aufmerksamen Vogelbeobachtern bekannt ist. Sicher, das schwarz-weiße Kleid des Männchens kann mit dem etwa gleichgroßen, aber weitaus farbigeren Gesellen Gartenrotschwanz, mit dem es unter anderen den Lebensraum teilt, nicht konkurrieren. Und das nahezu ungezeichnete graubraune Weibchen dürfte von vielen schlichtweg übersehen werden. Dennoch gibt es einiges, was den Halsbandschnäpper zum vielleicht interessantesten Vogel der Streuobstwiesen macht.

Der Vielflieger

Der Halsbandschnäpper kommt erst sehr spät aus seinem Winterquartier zu uns zurück. Er ist ein sogenannter Langstreckenzieher, das heißt er überwintert nicht wie beispielsweise der Star oder der Buchfink einfach nur jenseits der Alpen in milderem Klima. Vielmehr fühlt er sich in einem völlig anderen Lebensraum wohl. Das westliche Afrika, jenseits der Sahara, in Ghana, Burundi, Ruanda, Tansania sind seine bevorzugten Überwinterungsgebiete. Langstreckenzieher haben es den Vogelkundlern schon immer angetan. Es liegt immer etwas Geheimnisvolles, Unaufgeklärtes in diesem Zugverhalten, nicht zuletzt spiegelt sich darin auch eine Sehnsucht für uns Europäer nach "exotischen Welten". Ganze drei Monate verbringt er übrigens nur bei uns, bereits ab Juli ist er dann schon wieder auf dem Weg in sein Überwinterungsgebiet. Diese Strecke kann ein Halsbandschnäpper übrigens mehrmals im Leben zurücklegen, denn er kann durchaus ein Alter von 5-7 Jahren erreichen!

Bevorzugte Heimat: Baden-Württemberg

Das Brutgebiet des Halsbandschnäppers umfasst im wesentlichen den Bereich von Nordfrankreich, Süddeutschland, Osteuropa bis Weißrussland. Südlichste Verbreitungsgebiete liegen in Süditalien, die nördlichsten sind Gotland und Öland. Kennzeichnend ist eine weitgehend geschlossene Brutverbreitung in Nordwürttemberg mit den Verbreitungsschwerpunkten hier in unserer Gegend. Nirgendwo sonst ist die Siedlungsdichte so hoch. Interessant ist, das gerade diese hohe Siedlungsdichte in einem Ersatzlebensraum liegt, denn ursprünglich kam der Halsbandschnäpper keineswegs in Streuobstwiesen vor. So liegt beispielsweise ein zweiter Verbreitungsschwerpunkt in Württemberg in den Donau- und Illerauen bei Ulm. Hier bewohnt er vor allem Hartholzauen mit altem Baumbestand. Man geht heute davon aus, dass alte Auwälder wie beispielsweise an der Donau der ursprüngliche Lebensraum des Halsbandschnäppers sind. Über 500 m Meereshöhe kommt er dagegen nur selten vor, beispielweise in alten Eichen/Buchenwäldern auf der schwäbischen Alb. Den Lebensraum Streuobstwiese dürfte er sich vor allem dank menschlicher Hilfe zu Eigen gemacht haben. Denn als man im 19. und vor allem 20. Jahrhundert mit dem Anbringen von künstlichen Nisthilfen begann, erschloß man auch für den Halsbandschnäpper ein neues Habitat. Hier fand er zwei Hauptvoraussetzungen für sein Überleben: ein ausreichendes Höhlenangebot und genügend Nahrung. Als Spätheimkehrer fällt es ihm natürlich schwer, ein geeignetes Revier zu finden. Geeignete Nistplätze sind oft bereits vergeben (oftmals brüten Halsbandschnäpper deshalb in wahren Ruinen). Zudem liegen in seinem Revier, das durchaus kleiner als 1 ha sein kann, Nistplatz und Jagdrevier zusammen, da er nicht wie z. B. Greifvögel auf entfernter liegende Jagdreviere ausweicht. Untersuchungen an beringten Vögeln ergaben, dass ein Halsbandschnäpper seinen Revieren treu bleibt. Oft benutzen die Altvögel das angestammte Revier ein Leben lang und auch Jungvögel sind meist in der Nähe ihres Geburtsortes wieder zu finden. Eine erstaunliche Leistung, wenn man die Distanz von Brut- und Überwinterungsgebiet bedenkt!

Nahrungsspezialisten

Halsbandschnäpper (Klicken zum Vergrößern, 22 kByte )

Schnäpper sind eine weltweit verbreitete Vogelgruppe innerhalb der drosselartigen Vögel. Allesamt sind sie weitgehend auf Insektennahrung spezialisiert. Meist von einer Sitzwarte aus werden Fluginsekten erspäht, die dann in schmetterlingshaftem Flug erbeutet werden. Dabei unterscheidet sich beispielsweise der in Asien beheimatete leuchtendblaue Meerblaue Fliegenschnäpper nicht von unserem heimischen Fliegenschnäpper. Ein Halsbandschnäppermännchen bei seiner Jagd auf Insekten an einem warmen Sommertag zu beobachten, ist ein besonderes Erlebnis, unweigerlich macht er dabei einen fast exotischen Eindruck auf uns. Vorwiegend ernährt er sich von Zweiflüglern, Schmetterlingen und Käfern. Nicht von ungefähr nannte man unsere heimischen Schnäpper früher auch Fliegenschnäpper. Die Nestlinge werden vorwiegend mit Larven und Raupen von Insekten gefüttert. Das liegt unter anderem daran, dass aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer der Vögel bei uns die Insekten natürlich vorwiegend in diesem Stadium zur Verfügung stehen. Abhängig davon ist auch sein Bruterfolg. In kalten und regnerischen Sommern ist es durchaus möglich, das keine jungen Halsbandschnäpper ausfliegen, da sie regelrecht erfrieren und verhungern.

Brutgeschäft unter Zeitdruck

Für die Brut selbst hat der Halsbandschnäpper aufgrund seiner kurzen Aufenthaltsdauer bei uns nicht viel Zeit, und so beginnen die Weibchen bereits kurz nach ihrer Rückkehr Anfang Mai mit dem Nestbau. Die bereits ein paar Tage zuvor eingetroffenen Männchen haben bereits den Brutplatz herausgesucht und zeigen diesen dem Weibchen an, in dem sie lebhaft singend davor sitzen. Dabei kann es sich um einen Nistkasten aus Holz, eine Holzbetonhöhle, wie sie gerne von Meisen benutzt wird, eine alte Spechthöhle oder eine natürliche Höhle in einem alten Obstbaum handeln. Das Nest selbst besteht aus trockenen Grashalmen und in der Mulde liegen schon bald 5 bis 7 weiße, fast runde Eier. Nach einer Brutzeit von ca. 13 Tagen schlüpfen die Jungen. Die folgenden 15 bis 19 Tage sind für eine erfolgreiche Brut entscheidend: herrscht hier kein geeignetes trockenes warmes Wetter, in denen viele Insekten als Nahrung zur Verfügung stehen, stehen die Chancen für einen Bruterfolg schlecht. Ein Nachgelege oder eine Zweitbrut wird nämlich äußerst selten getätigt. Mit dem Ausfliegen der Jungvögel werden dann auch schon die Reviere verlassen und der Rückzug in die Überwinterungsgebiete beginnt. Dieser geschieht übrigens kaum bemerkt, denn Halsbandschnäpper sind Nachtzieher.

Ein alter Bekannter und doch rätselhafter Vogel

Macht es auch diese kurze Zeit der Anwesenheit des Halsbandschnäppers aus, daß er für uns so interessant ist? Unbestritten fühlen sich viele Vogelbeobachter vor allem im Raum Schorndorf sehr fasziniert von ihm. Seit ca. 1950 steht er sozusagen unter Beobachtung. Vieles, was man von ihm weiß, hat hier seinen Ursprung. So fanden beispielsweise in Urbach durch Prof. Löhrl in den 1950er Jahren Untersuchungen statt über die Siedlungsdichte, die Ernährung und das Brutverhalten. Viele dieser damaligen Ergebnisse sind noch heute gültige Grundlagen in der Ornithologie. Zahlreiche Mitglieder der NABU-Ortsgruppe Schorndorf haben in den letzten 50 Jahren durch Anbringung und Pflege von Nisthöhlen neue Erkenntnisse über den Halsbandschnäpper gesammelt. So wurden bis heute im Rahmen von Beringungen für die Vogelwarte Radolfzell 5700 Halsbandschnäpper beringt. Des Weiteren ist die NABU-Ortsgruppe auch im Besitz von Streuobstwiesen und pflegt somit den Lebensraum dieses schönen Vogels. In vielen langjährigen Untersuchungen im Raum Schorndorf entdeckte man ein weiteres Kuriosum der Schnäpper. Der Halsbandschnäpper besitzt eine Zwillingsart, den Trauerschnäpper. Der Trauerschnäpper hat zwar ein weitaus größeres Verbreitungsgebiet als der Halsbandschnäpper (es erstreckt sich von England bis Sibirien, von Spanien bis Skandinavien), bei uns in Baden-Württemberg hat er jedoch ein anderes Verbreitungsgebiet als der Halsbandschnäpper. Teilweise jedoch überschneiden sich diese Gebiete, doch wiederum nur hier in unserer Gegend kommt es auch zu Mischlingsbruten der beiden Arten. Ein weiteres Überlappungsgebiet, in dem es zu Mischlingsbruten kommt, liegt im bereits angesprochenen nördlichen Verbreitungsgebiet Öland und Gotland. Interessant dabei ist, dass diese Hybriden wiederum fruchtbar sind. In den letzten 50 Jahren wurden in Baden-Württemberg 45 Mischbruten festgestellt (Stand 1997). Die meisten dieser Bruten fanden hier im Schorndorfer Raum statt.

Schlechte Perspektive

Grund zur Sorge bereitet der Bestandsrückgang des Halsbandschnäpper vor allem seit den 1970er Jahren. Vom 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts war er ein häufiger Vogel. So wurden beispielsweise im Gebiet Kirchsteig in Urbach auf einer Fläche von 30 ha, in der von Paul Bühler 1959 ca. 600 Nistkästen untersucht wurden, 39 Brutpaare festgestellt. Dort gibt es heute noch 1 bis 2 Paare. Der Bestand hat sich seit Anfang der 1970er Jahre auf einem sehr niedrigen Niveau stabilisiert, wobei die mittelfristige Tendenz eindeutig auf einen Rückgang des Halsbandschnäppers schließen lässt. Dieser Bestandsrückgang lässt sich zum einen auf den Einsatz von Pestiziden im Streuobstanbau in den 1970er Jahren zurückführen. Dadurch wurde dem Halsbandschnäpper die Ernährungsgrundlage entzogen. Zu dieser Zeit veränderte sich auch die Nutzung dieses Lebensraumes beispielsweise durch die Entfernung von alten Bäumen und die intensivere, auf Ertrag ausgerichtete Nutzung. Viele Streuobstflächen sind vor allem in den letzten 30 Jahren verschwunden z. B. durch Umlegung in Bauland, Straßenbau. Das mag für uns im Raum Schorndorf vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz so zutreffend erscheinen, ist aber landesweit betrachtet ein mitentscheidender Faktor für den gravierenden Rückgang, da viele Streuobstwiesen vor allem an Dorfrändern verschwunden sind und die verbliebenen oft weit auseinander liegen. Sehr entscheidend für das Vorkommen von Nahrungsinsekten für den Halsbandschnäpper ist die Pflege der Streuobstwiesen. Die Artenvielfalt und Dichte an Insekten ist am höchsten in einer schafbeweideten Wiesenfläche, am niedrigsten auf einem Grundstück, das alle 2 Wochen mit dem Rasenmäher gemäht wird. Des Weiteren sind Langstreckenzieher sehr vielen anderen Gefährdungsfaktoren ausgesetzt, von denen bei vielen gar nicht eingeschätzt werden kann, wie sie sich auf die Vögel auswirken. So sind Dürrekatastrophen in der Sahel-Zone sicher nicht ohne Auswirkung auf die dort überwinternden Vögel. Ebenso wissen wir heute noch sehr wenig über die Auswirkung von Klima- oder Landschaftsveränderungen auf den Zugwegen der Vögel. So nützt es dem Halsbandschnäpper wenig, wenn er bei uns zwar ein ausreichendes Höhlenangebot zum Brüten vorfindet, in einem wichtigen Rastgebiet während des Zuges z. B. in Italien jedoch flächendeckend durch Umstrukturierung der Agrarwirtschaft das Insektenangebot entfällt. Am Beispiel des Halsbandschnäppers wird deutlich, wie wichtig ein globales Umweltschutzdenken und die daraus resultierenden Maßnahmen sind. Wenn er auch nur wenige Wochen des Jahres bei uns verbringt - unsere Kulturlandschaft Streuobstwiese wäre um ein Juwel ärmer, sollte er eines Tages für immer von hier verschwinden.

Jörg Daiss
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