Die TürkentaubeVom Immigranten zum Flüchtling?
Kaum eine Arealänderung einer Tierart ist so stürmisch verlaufen wie die der Türkentaube. Seit etwa 1930 hat sie innerhalb weniger Jahrzehnte ganz Mitteleuropa besiedelt. Bis heute konnten Ornithologen keine überzeugende Erklärung für die Ursachen dieser Ausbreitung geben. Besonders die Schnelligkeit, mit der die Ausbreitung der Türkentaube verlief, räumt ihr eine Sonderstellung ein. Das Brutareal der Türkentaube auf dem Balkan und in der Westtürkei geht vermutlich auf menschliche Ansiedlung zurück und war bis in die 70er Jahre von weiter östlichen Vorkommen isoliert. Bereits 1955 war sie Brutvogel in den Niederlanden. Gleichzeitig wurde der Ärmelkanal übersprungen. In Mitteleuropa wurden noch Anfang der 70er Jahre, also zu einem Zeitpunkt, als die Ausbreitungsfront bereits Island erreicht hatte, viele Neubesiedlungen innerhalb des neuen Areals festgestellt. Im Schorndorfer Raum wurde die erste Türkentaube Anfang Mai 1958 beobachtet. Ab diesem Zeitpunkt mehrten sich die Beobachtungen und mündeten in einer flächendeckenden Besiedelung. In den 70er Jahren waren Türkentauben ein alltäglicher Anblick in Schorndorf. Zeitweise fühlten sich Bürger von den Balzrufen am frühen Morgen belästigt. Es war praktisch jede Baumgruppe der Innenstadt besiedelt. Offensichtlich wurden sogar die Brutreviere knapp, denn einzelne Paare brüteten sogar an Gebäuden, was für Türkentauben untypisch ist. Seit etwa Mitte der 90er Jahre wurde die Dichte immer geringer. Zunächst wurden ungeeignete Areale aufgegeben, später ging auch die Dichte in den optimalen Biotopen wie Parks, Friedhöfen, Alleen usw. zurück. Die Ursachen dieses Rückganges, genauso wie die für die stürmische Besiedelung, sind auch Fachleuten nicht ganz klar. Türkentauben erreichen schon 2,5 bis 4 Monate nach dem Schlüpfen die Geschlechtsreife und stehen somit schon im 1. Lebensjahr für die Fortpflanzung zur Verfügung. Pro Jahr können bis zu 8 Brutversuche stattfinden, das sind im Durchschnitt 3,8 Gelege pro Jahr. Die Brutzeit beginnt etwa im März und dauert bis Oktober. Bei guten Bedingungen brütet die Türkentaube auch im Winter erfolgreich. Natürlich sind die Gelegeverluste durch Nesträuber - vor allem Rabenvögel und Eichhörnchen - sehr hoch. Der starke Rückgang lässt sich aber damit nicht erklären, denn ein bestandsmindernder Einfluss von Feinden wird mit der Abnahme der Beute (=Gelege) immer geringer. Er wirkt praktisch nur regulierend. Um die weitere Entwicklung der Türkentaube im Schorndorfer Raum in nächster Zeit zu dokumentieren, ist es wichtig, über einen langen Zeitraum die Bestandsentwicklung zu verfolgen. Der NABU Schorndorf und Umgebung möchte sich in den nächsten Jahren um die Erhebung solcher Daten bemühen. Eventuell findet sich ja ein interessiertes Mitglied, das diese Daten sammelt und an uns weiterleitet. Türkentauben lassen sich relativ einfach beobachten und verhören. Deshalb sollte dieses Vorhaben eigentlich problemlos zu bewältigen sein. Wolfgang Schnabel
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