Portrait einer im Remstal vorkommenden Schlangenart
Im mittleren Remstal haben wir es im wesentlichen mit zwei Schlangenarten zu tun, der Ringelnatter (Natrix natrix) und der Schlingnatter (Coronella austriaca). Die Bestände der Schlingnatter im mittleren Remstal sind in den 80er Jahren stark zurückgegangen, örtlich völlig zusammengebrochen. Die Hauptbedrohung der Schlingnatterbestände geht vom Menschen aus; Prädatoren unter den Tieren sind bei uns lediglich Mäusebussard, Waldkauz, Iltis und Igel. Der Anteil der Schlingnatter an deren
Nahrung ist jedoch äußerst gering, was mit der versteckten Lebensweise dieser Schlange zu erklären ist.
Foto: G. Becker
Hauptursache des Rückgangs der Population bei uns sind wohl die Rebflurbereinigungen und der Pestizideinsatz in der Land- und Forstwirtschaft, denn über ihre Hauptnahrung, die insektenfressenden Eidechsen, kommt es zu einer Anreicherung dieser Giftstoffe im Körper der Schlange. Durch die Rebflurbereinigung und die damit verbundene Entfernung der Trockenmauern verliert sie zusätzlich ihren Lebensraum. Die Schlingnatter ist eine relativ kleine, kräftige Natter von bis zu 70 cm Maximallänge. Das Männchen ist in der Grundfärbung bräunlich bis braungrau und mit rötlichbraunem Bauch. Das Weibchen ist in der Regel grau mit grauem oder grauschwarzem Bauch.
Die Rückenzeichnung besteht aus dunklen Flecken und Streifen. An den Kopfseiten verläuft ein
dunkler Strich vom Nasenloch über das Auge bis zum Hals. Der dunkle Fleck am Oberkopf ist individuell verschieden geformt und wohl die Hauptursache dafür, dass die Schlingnatter von vielen Menschen mit der Kreuzotter verwechselt wird. In Mitteleuropa gilt die Schlingnatter als Charaktertier der Mittelgebirge und Hügellandschaften. Bevorzugte Lebensräume sind Waldränder,
Schonungen, Steppenheiden, felsige Hänge mit schütterer Vegetation, aber auch vom Menschen geschaffene Biotope wie Steinbrüche, Sandgruben, Straßenböschungen und vor allem die Trockenmauern der alten nicht umgelegten Weinberge. Gelegentlich ist sie sogar in den Gärten der menschlichen Ansiedlungen zu finden. Deutlich bevorzugt werden trockene Habitate, die süd- oder südwestlich exponiert sind. Die Schlingnatter ist in unserem Bereich als xerothermophile Schlange anzusehen, die ausreichend besonnte Standorte benötigt. Wesentliche Biotoprequisiten sind eine niedere Vegetation und eine ausreichende Anzahl von Schlupfwinkeln wie Mäusegänge, Eidechsenhöhlen, Fels- und Mauerspalten sowie ein gutes Nahrungsangebot, d.h. die Hauptbeutetiere, die Eidechsen, müssen in genügender Anzahl vorhanden sein.
Die Schlingnatter gilt als weitgehend spezialisierter Echsenfresser, man schätzt den Echsenanteil der Beute auf ca. 70% der Gesamtbeute. Neben den Echsen werden aber auch Kleinsäuger wie Mäuse und Spitzmäuse, Jungvögel und Eier, Insekten, Würmer und Raupen aufgenommen. Soweit in den überwiegend trockenen Biotopen vorhanden, frisst sie auch Jungkröten und Grasfrösche. Jungschlangen erbeuten überwiegend Jungeidechsen, Regenwürmer, Spinnen und Raupen. Um ausreichend Beute machen zu können, benötigt eine ausgewachsene Schlingnatter ein Revier von 0,5 bis 2 ha Größe. Entscheidend wird die Reviergröße vom Nahrungsangebot beeinflusst.
Die Paarung der Schlingnatter erfolgt klimaabhängig in der Zeit von April bis Mai. Bei der Kopulation beißt das Männchen das Weibchen am Nacken oder Kopf und hält damit das Weibchen fest. Die Kopulation dauert normalerweise 20 Minuten bis 1 Stunde. Die trächtigen Weibchen leben sehr zurückgezogen, versuchen jedoch durch häufiges Sonnenbaden die Entwicklung der Jungen zu beeinflussen. Die Trächtigkeit dauert ebenfalls klimaabhängig 4 bis 5 Monate. Bei kühler Witterung kann die Schlange die Geburt erheblich hinauszögern, notfalls bis nach der Überwinterung ins nächste Frühjahr. Die Schlingnatter ist ovovivipar, d.h. die Embryonalentwicklung verläuft vollständig im Mutterleib, noch während des Geburtsvorganges oder sofort danach befreien sich die Jungschlangen aus den Eihüllen. Die Anzahl der Jungen beträgt 2 - 16 Stück nach Literaturangaben, ich habe jedoch als Höchstzahl nur 6 Jungschlangen bei einer Geburt erlebt. Die Dauer der Geburt kann bis zu 5 Stunden betragen. Bei der Geburt haben die Jungtiere bereits eine Länge von ca. 12 - 20 cm. Etwa alle 2 Monate häutet sich die Schlange und wird im 3. oder 4. Lebensjahr bei einer Länge von ca. 30 - 40 cm geschlechtsreif. Schlingnattern sind tagaktive "Schleichjäger", die ihre Beutetiere in ihren Schlupfwinkeln überraschen oder zufällig vorbeikommende Beutetiere ergreifen. Größere Beutetiere werden dabei umschlungen und dadurch an der Gegenwehr gehindert. Gegen Feinde wehrt sich die Schlingnatter, indem sie sich zusammenrollt, den Vorderkörper aufrichtet und aus dieser Stellung heraus zubeißt. Auch kann sie genau wie die Ringelnatter ein stinkendes Sekret aus ihren Analdrüsen ausscheiden. Schlingnattern kann man am besten an schwülen Tagen, vor oder nach Gewittern beobachten. Ihre Aktivitätsphasen liegen am späten Vormittag und am frühen Nachmittag, die pralle Mittagsonne wird in der Regel gemieden. Um der Schlingnatter ein Überleben im mittleren Remstal zu ermöglichen, muss vor allem für die Erhaltung und auch Neugestaltung von Lebensraum gesorgt werden. Dazu zählen besonders der Erhalt der noch vorhandenen Trockenmauern und Steppenheidegebiete sowie Neuanlagen von Steinriegeln und Trockenmauern und die Ausbuschung aufgelassener Weinberge und Obstbaumwiesen in Südhanglagen.
Gernot Becker
Verschaffen Sie sich einen Überblick über Seiten mit ähnlichen Themen