Im Raum Schorndorf kann man ein knappes Drittel der ca. 150 in Mitteleuropa vorkommenden Tagfalterarten regelmäßig oder gelegentlich beobachten. Dies erscheint auf den ersten Blick relativ viel, doch dieser Eindruck ändert sich, wenn man die beobachteten Arten mit der Roten Liste Baden-Württembergs vergleicht: Während von den 21 Arten der Vorwarnliste immerhin noch zehn im Raum Schorndorf vorkommen, sind es von den 34 gefährdeten Arten nur noch sieben und von den 43 stark gefährdeten oder vom Aussterben bedrohten Arten findet sich keine einzige in der näheren Umgebung von Schorndorf. Oder besser gesagt, nicht mehr.
Foto: M. Rommel
So berichtet beispielsweise N. Schmunck, dass der Eisvogel, mit einer Spannweite von bis zu zehn Zentimetern der größte mitteleuropäische Tagfalter, bis zum Beginn der 70er Jahre in der Umgebung von Schorndorf "ziemlich regelmäßig" beobachtet werden konnte. Heute scheint diese Art hier ausgestorben zu sein. Nicht besser erging es dem sehr seltenen Eschen-Scheckenfalter, einem Schmetterling, der europaweit vom Aussterben bedroht ist. Er wurde zuletzt im Jahr 1971 im Bärenbachtal bei Urbach von N. Schmunck und F. Kucher registriert. Sein Verlust ist besonders bedauerlich, da Urbach vermutlich einer der letzten Vorkommensorte in Süddeutschland war. Mit einer Neubesiedelung ist nicht zu rechnen, da der Eschen-Scheckenfalter als sehr standorttreu gilt, und heute nur noch drei süddeutsche Fundplätze bekannt sind, einer in Baden-Württemberg und zwei in Bayern. Doch nicht nur diese beiden Arten sind verschwunden, auch der Mädesüß-Perlmutterfalter, der Wachtelweizen-Scheckenfalter, der Graubindige Mohrenfalter und der Kronwicken-Dickkopffalter, die alle noch vor wenigen Jahrzehnten zur Schorndorfer Fauna zählten, sind nicht mehr anzutreffen. Umso wichtiger ist es, den Lebensraum der verbliebenen Arten zu schützen, denn durch die Zerstörung ihrer Lebensräume sind die Schmetterlinge am meisten bedroht.
Deshalb betrachten wir die Landschaft des Remstals genauer: Im Talgrund sehen wir dicht besiedelte Flächen, verbunden durch ein gut ausgebautes Verkehrsnetz und umgeben von Wiesen- und Ackerflächen, die intensiver landwirtschaftlicher Nutzung unterliegen. Hier sind Lebensräume rar für die Schmetterlinge des Offenlandes, von denen viele nur auf ungedüngten, artenreichen Wiesen bestehen können, die nur ein- oder zweimal im Jahr gemäht werden. Nur wenige Schmetterlingsarten sind hier zuhause, meist solche, die an Unkräutern leben, wie etwa das Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs und der Admiral, die von der wachsenden Ausbreitung der Brennessel profitieren. Besser sieht die Situation für die Arten aus, die im Wald oder an den Waldrändern leben. Zwei Drittel der Tagfalterarten im Raum Schorndorf zählen zu den Arten, die im Waldmantel oder Waldsaum vorkommen. Sie finden besonders in den waldreichen Nebentälern des Remstals günstige Bedingungen, was durch die Tatsache, dass immer mehr Wald naturnah bewirtschaftet wird, gefördert wird. Wichtig sind reich strukturierte Waldränder, die einen hohen Anteil an Weichlaubhölzern und niederwüchsiger Vegetation besitzen. Doch Wald allein eignet sich für die meisten Tagfalter nicht als Lebensraum. Für einige Arten sind ungeteerte Waldwege notwendig, wo die Männchen an feuchten Stellen Mineralien aufnehmen können, während andere Arten das Vorhandensein von blütenreichen Wiesen in unmittelbarer Nähe brauchen. Im Bärenbachtal kommt der Ulmen-Zipfelfalter vor, eine Art die durch das Ulmensterben stark bedroht ist. In den Tälern des Schurwalds sind der Große und der Kleine Schillerfalter noch regelmäßig anzutreffen. Die Männchen dieser Arten, die sich mit ihren intensiv blau oder violett schillernden Flügeln selbst mit der Pracht tropischer Falter messen können, gehören sicherlich zu den eindruckvollsten Erscheinungen der europäischen Schmetterlingswelt. Weitere Arten, die wir hier beobachten können sind der Trauermantel, der Große Fuchs, der Kaisermantel, der Zitronenfalter und der Faulbaum-Bläuling, um nur einige zu nennen.
Foto: M. Rommel
Eine wichtige Rolle als Lebensraum für Schmetterlinge spielen auch die Streuobstwiesen an den Hängen des Remstals. Durch die Hanglage besitzen diese Standorte oft einen warmtrockenen Charakter und durch extensive Nutzung haben die Raupen und Puppen vieler Arten gute Überlebenschancen, und die Falter finden ein reiches Nektarangebot an Blüten und faulendem Obst. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Arten xerothermer Standorte mit 30% die zweitstärkste Gruppe bilden. In den Streuobstwiesen um Schorndorf finden auch heute noch viele Tagfalterarten einen geeigneten Lebensraum. So belegen beispielsweise Eiablagen vom Kleinen Sonnenröschen-Bläuling und vom Mattscheckigen Braundickkopffalter aus dem Jahr 1996, dass diese Arten im Aichenbachtal südlich von Schorndorf zuhause sind. Doch nicht nur sie, auch weitere Arten, wie der Tintenfleck-Weißling, der Schachbrettfalter
und der Nierenfleck kommen hier vor. Wenn wir die vorhandenen Lebensräume schützen, dann können wir die genannten Arten auch weiterhin beobachten und vielleicht gesellen sich neue Arten hinzu, wie etwa der Feurige Perlmutterfalter oder der Kleine Perlmutterfalter, die sich gelegentlich ins Remstal verirren. Nicht nur sie wären eine Bereicherung der Fauna im Raum Schorndorf.
Michael Rommel
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